Raimund Wolfert
Auf den Spuren der "Invertierten" im Breslau der zwanziger und dreißiger Jahre
Übersicht des Beitrags
Über die Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten homosexueller Männer und Frauen in den ehemaligen deutschen
Ostgebieten vor dem Zweiten Weltkrieg liegen kaum Angaben vor. Raimund Wolferts Artikel stellt einen ersten
Versuch dar, ein Kapitel der schwulen Stadtgeschichte des schlesischen Breslau (heute Wroc?aw) zu schreiben,
das in der Zwischenkriegszeit die siebtgrößte Stadt des Deutschen Reiches war. Er stützt sich vor allem auf
Meldungen in den Homosexuellenzeitschriften der Weimarer Republik, da im heutigen Wroc?aw selbst kaum noch
relevante Materialien zu ermitteln sind. Der Fokus liegt auf den Jahren 1919 bis 1933, wobei Wolfert nicht
nur auf Vereinstätigkeiten und die homosexuelle Subkultur der Stadt eingeht, sondern auch auf homosexuelle
Nazis wie Edmund Heines und Helmuth Brückner. Trotz der dürftigen Materiallage wird ersichtlich, dass
Breslau für die homosexuelle Emanzipation im deutschsprachigen Raum nach 1919 eine wichtige Stadt war.
Nach 1919 bildete sich in Breslau wie in anderen deutschen Städten ein erster "Freundschaftsverein".
1922 firmierte er unter dem Namen Sagitta, ein Jahr später ging er offensichtlich in der sogenannten
Ortsgruppe Breslau im Bund für Menschenrecht auf. Diese Gruppe entwickelte bis Anfang der dreißiger Jahre
ein umfassendes Repertoire an Veranstaltungen für ihre Mitglieder und Gäste, bevor alle Nachrichten über
das gesellschaftliche und politische Leben Homosexueller in Breslau abbrechen. Als Einzelperson machte
sich in der Zeit der Weimarer Republik vor allem der Breslauer Buchhändler und Journalist Ernst Bellenbaum
bemerkbar. Er war nicht nur zeitweise Herausgeber der Ersatzzeitschrift Der Freund (für die verbotene
Zeitschrift Die Freundschaft), ab 1923 bemühte er sich auch um den Aufbau einer Pressekorrespondenz, die
alle interessierten deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften mit Informationen über die
Homosexuellenbewegung ihrer Zeit versorgen sollte. Eine Rufmordkampagne in Friedrich Radszuweits
Freundschaftsblatt führte indes dazu, dass sich ab 1927 jegliche Spuren von Ernst Bellenbaum verlieren.
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