Rezension von Ingo Straub, Osnabrück
Es gilt inzwischen als unumstritten, dass historische Forschung bis in die 1970er Jahre fast ausschließlich
Männergeschichtsschreibung war, dass zwar der Anspruch einer Menschheitsgeschichtsschreibung verfolgt
wurde, aber letztendlich doch Männer über Männer und für Männer forschten und publizierten. Mannsein und
Manifestationen des Mannseins, d. h. die Konstruktion und Präsentation von Männlichkeiten in unterschiedlichen
historischen Epochen und gesellschaftlichen Systemen, waren - so könnte man meinen - seit jeher Gegenstand
wissenschaftlicher Untersuchungen. Die von Historikern lange Zeit intendierte Betrachtung des
Allgemein-Menschlichen brachte allerdings nicht nur die Nichtbeachtung der Rolle 'der Frau' in den
Zeitläuften mit sich, sondern auch 'der Mann' als Geschlechtswesen verschwand hinter dem Bild eines
geschlechtslosen Neutrums, z. B. dem des Herrschers, des Feldherrn, des Leibeigenen. Erst unter dem Einfluss
der Frauen- und der Schwulenbewegung sowie der sich allmählich etablierenden men's studies veränderte sich
auch in Teilen der Geschichtswissenschaft der Blick auf das soziale Individuum als Gegenstand der Forschung.
Die in den USA und in Großbritannien ab den 1970er Jahren, in Deutschland mit einiger zeitlicher Verzögerung
betriebene historische Forschung nahm sich nun auch des Mannes als Geschlechtswesen und der durch die Zeiten
rekonstruierbaren Männlichkeitsentwürfe an.
Das Verdienst von Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz besteht darin, mit der vorliegenden Veröffentlichung
einen Überblick über die im angloamerikanischen und deutschen Kontext in den vergangenen 30 Jahren
entstandenen Studien zur Erforschung der Geschichte von Männlichkeiten zu bieten. Den Autoren geht es
insbesondere darum, sich mit der Geschichte von männlichen Geschlechtsentwürfen zu beschäftigen, die unter
bestimmten historischen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen entstehen und - neben anderen
Faktoren - soziales Handeln sowie soziale Statuszuweisungen prädisponieren. Ziel des Einführungsbandes ist
es, den Einstieg in den Themenkomplex zu erleichtern, den Stand der Forschung aufzuarbeiten,
Forschungsdesiderate zu benennen und Hilfestellungen für die akademische Lehre zur Männer- und
Männlichkeitenforschung anzubieten.
In den beiden auf die Einleitung folgenden Kapiteln 2 und 3 beleuchten Martschukat/Stieglitz zwei
Felder, die sie als zentral für die Konzeption und Grundlegung einer Geschichte der Männlichkeiten
ausmachen. Zunächst wird in Kapitel 2 die Frauen- und Geschlechtergeschichte in den Blick genommen,
in deren Entwicklung sich seit den 1960er und 1970er Jahren die Debatten und Phasenabfolgen der
(soziologisch inspirierten) Frauen- bzw. Geschlechterforschung abbilden (Sex-Gender-Debatte,
sozialkonstruktivistische und dekonstruktivistische Phase). In Kapitel 3 wird dann die
wissenschaftshistorische und theoretische Entwicklung der men's studies - verstanden als die
"kritische, sozial- und kulturwissenschaftliche Analyse von Männern und Männlichkeiten"
(S. 43) - skizziert und dabei insbesondere auf zentrale (heute z.T. überholte) theoretische Strömungen
innerhalb der men's studies fokussiert (Geschlechtsrollenmodell nach Talcott Parsons, Jeff Hearns'
Patriarchatskritik, Konzept der "hegemonialen Männlichkeit" nach Robert W. Connell).
Das sich daran anschließende vierte Kapitel "Theoretische Leitlinien für eine Geschichte der
Männlichkeiten" wird von Martschukat/Stieglitz als "Herzstück" ihres Bandes bezeichnet, in dem die
vorangegangenen Gedankengänge gebündelt und Leitfragen für die Erforschung einer Geschichte der
Männlichkeiten herausgearbeitet werden. Quintessenz dieses Kapitels ist das Plädoyer der beiden Autoren
für die Konzipierung einer mehrfach relationalen Geschlechtergeschichte, die Männlichkeitsentwürfe nicht
nur zu anderen Männlichkeits-, sondern auch zu Weiblichkeitskonstruktionen in Beziehung setzt und dabei
den Stellenwert so zentraler sozialstruktureller Kategorien wie Klasse oder Ethnie mitberücksichtigt.
Nach einem kurzen und hochinteressanten Überblickskapitel über 'Standardwerke' zur Geschichte der
Männlichkeiten von angloamerikanischen (z.B. Joseph H. Pleck) und deutschsprachigen Autoren (z. B. Klaus
Theweleit und Thomas Kühne) folgen drei Kapitel, die sich den Themenkomplexen
'Väter/Familien/Arbeitswelt' (Kap. 6), 'Männerbünde' (Kap. 7) und 'Geschichte der Homo- und
Heterosexualitäten' (Kap. 8) widmen. Martschukat/Stieglitz stellen dabei jeweils Arbeiten aus den
USA, Großbritannien und Deutschland vor, die in ihren Augen die Bandbreite der Veröffentlichungen zu den
genannten Themenfeldern abbilden.
Besonders informativ und spannend lesen sich die beiden Abschnitte zu männlichen
Vergemeinschaftungsformen und zur Geschichte männlicher Sexualitäten. Im Kapitel "Von Brüdern,
Kameraden und Staatsbürgern" bilden Martschukat/Stieglitz einen Ausschnitt aus der Vielfalt der
Formen männlicher Sozialität ab. Ein Schwerpunkt wird dabei auf diejenigen Beziehungen zwischen
Männern gelegt, die auf der Basis persönlicher oder geschäftlicher Interessen zustande gekommen sind
und sich beispielsweise in Vereinen, studentischen Verbindungen, Bruderschaften oder Freimaurerlogen
institutionalisieren. In einem zweiten Schritt diskutieren die Autoren ausführlich die Literatur, die
sich mit dem in der deutschsprachigen Männerforschung gut bearbeiteten Themenkomplex "Kameradschaft,
Militär und Krieg" beschäftigt. Im Abschnitt zur Geschichte männlicher Sexualitäten verweisen
Martschukat/Stieglitz auf die besondere Rolle des gay liberation movement, das seinen Ausgangspunkt
in den schlachtenartigen Auseinandersetzungen in der Christopher Street in New York (Sommer 1969)
nahm. Der Ertrag theoretischer Arbeiten, die im Umfeld der offensiv auftretenden Schwulenbewegung
entstanden sind, ist im Hinblick auf die Modellierung der Geschlechterverhältnisse vor allem darin zu
sehen, dass Heterosexualität nunmehr als scheinbar natürliche Grundlage der Geschlechterverhältnisse
in Frage gestellt wurde. Indem herausgearbeitet wurde, dass Homosexualität ein relativ junges Konstrukt
ist, das sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seiner modernen sozialen Bedeutung herausgebildet
hat, konnte nicht nur der Konstruktionscharakter der Kategorie Homosexualität, sondern auch derjenige der
Kategorie Heterosexualität deutlich herausgestellt werden. Eine im Zuge der Schwulenbewegung geschriebene
Geschichte der Homosexualitäten erlaubt damit auch einen veränderten Blick auf (bis dato für
unveränderlich gehaltene und normierte) Männlichkeiten: In gleicher Weise wie Sexualitäten müssen auch
Männlichkeiten in ihrer Geschichtlichkeit und Konstruiertheit betrachtet werden, wobei hierfür einerseits
die Wirksamkeit bestimmter Sozialstrukturen (z.B. Klasse, Ethnie, Alter, Religion), andererseits die
"Struktur geschlechtlicher Machtbeziehungen" (Connell) berücksichtigt werden müssen, die durch eine
Machthierarchie zwischen Männern und Frauen, aber auch durch Über- und Unterordnungsverhältnisse
innerhalb der Gruppe der Männer gekennzeichnet ist.
Der Band von Martschukat/Stieglitz, der durch einen kommentierten Quellenteil und eine umfangreiche
Bibliografie abgerundet wird, stellt eine auf das Wesentliche beschränkte Einführung in die Geschichte
der Männlichkeiten dar, ohne jedoch ausschließlich für HistorikerInnen von Interesse zu sein. Der
interessierte Laie und auch der bzw. die bereits mit Männer- und Männlichkeitenforschung befasste
WissenschaftlerIn findet in dem Buch der beiden Historiker sowohl eine anregend zu lesende
Zusammenfassung des Forschungsstandes als auch die Beschreibung bestehender Forschungsdesiderate.
Einzig das von den Autoren als "Herzstück" des Buches bezeichnete Kapitel 4 lässt einige Fragen
offen: Die Einfügung dieses Kapitels in den Einführungsband erschließt sich in konzeptioneller
Hinsicht nur bedingt, da der Zusammenhang zwischen den Gedankengängen von Martschukat/Stieglitz
zur theoretisch-konzeptionellen Modellierung einer zukünftigen Geschichte der Männlichkeiten und
den übrigen Kapiteln, in denen bereits bestehende Studien aufgearbeitet werden, zu wenig deutlich
wird. Meines Erachtens wäre es stimmiger gewesen, nach der Beschreibung des Forschungsstandes die
eigenen theoretischen Vorstellungen, wie eine zukünftige Geschlechtergeschichtsschreibung konzipiert
sein müsste, darzulegen, nicht zuletzt um den theoretischen Eigenbeitrag der Autoren deutlicher
herauszustellen und gegenüber anderen Ansätzen abzugrenzen. In der vorliegenden Fassung erscheint
das vierte Kapitel gewissermaßen als Fremdkörper, ein Eindruck, der auch dadurch verstärkt wird, dass
bis zum Ende des Buches kein Rückgriff auf die von Martschukat/Stieglitz formulierten konzeptionellen
Leitlinien für eine Geschichte der Männlichkeiten mehr vorgenommen wird. Ein die Arbeit abrundendes
Schlusskapitel wäre hier hilfreich und wünschenswert gewesen. Kritisch anzumerken ist darüber hinaus,
dass aufgrund der Zitierweise nicht gleich ersichtlich wird, wann die besprochenen Texte veröffentlicht
wurden, so dass stets ein den Lesefluss störendes Nachschlagen der Erscheinungsdaten in der Bibliografie
notwendig ist. Gerade bei einem im Rahmen der Genderforschung entstandenen Einführungsband sollte die
Zuordnung der besprochenen Studien zu den deutlich sich voneinander unterscheidenden Phasen der
Theoretisierung von Geschlecht (Sex-Gender-Debatte, Diskussion um die soziale Konstruiertheit von
Geschlecht etc.) eindeutig und ohne allzu großen Aufwand möglich sein.
Trotz dieser kritischen Anmerkungen ist das Buch von Martschukat/Stieglitz eine Empfehlung wert und sowohl all jenen ans Herz zu legen, die sich einen Zugang zum Thema Männlichkeiten in der Geschichte verschaffen wollen, als auch denjenigen MännerforscherInnen, die sich ihres Standortes innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion vergewissern wollen, um ihre Arbeiten voranzutreiben und innerhalb der Genderforschung verorten zu können.
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