Rezension von Sabine Puhlfürst, München
Die Garçonne - im großstädtischen Flair des Paris und Berlins der zwanziger Jahre galt sie als das Symbol
einer in Bewegung geratenen Gesellschaftsordnung: die androgyne, berufstätige, sportliche und sexuell befreite
"Neue Frau". 1922 trat sie als Titelheldin des Erfolgsromans La Garçonne von Victor Margueritte zum ersten
Mal in Erscheinung. Um sie und um die mit ihrem emanzipatorischen Habitus verbundene Mode geht es im
vorliegenden Jahrbuch. So heißt es im einführenden Aufsatz der beiden Herausgeberinnen Stephanie Bung und
Margarete Zimmermann: "Die Garçonne ist ein Frisuren- bzw. Kleidungsstil und Lebensgefühl in einem,
Kristallisationspunkt sowohl von Ängsten als auch von Hoffnungen, und sie spiegelt die Verschiebung der
Geschlechtergrenzen wider, innerhalb derer sich junge Frauen im Europa nach 1918 neue Spielräume erobern."
(S. 7). In Deutschland erschien von 1930 bis 1932 unter dem Titel Garçonne für kurze Zeit eine Zeitschrift
für lesbische Frauen.1
In den Jahren 1998 und 2003 erschienen mit Christine Bards reich bebildertem Buch Les Garçonnes.
Modes et fantasmes des Années folles sowie Julia Drosts Die Garçonne. Wandlungen einer literarischen
Figur zwei grundlegende Werke. Die vorliegende Aufsatzsammlung baut darauf auf, erweitert allerdings den
Untersuchungshorizont, indem mit den beiden Metropolen Berlin und Paris zwei Hauptschauplätze des
beschleunigten Wandels von Geschlechterrollen sowie Phänomene des Kulturtransfers zwischen Frankreich
und Deutschland unter die Lupe genommen werden. Drei der insgesamt 13 Aufsätze sind in französischer
Sprache verfasst. Die Beiträge sind fokussiert auf die Begriffe "Mode" und "Moderne", wobei die Mode
die intermediale Schnittmenge darstellt, in der die verschiedenen Ausdrucksformen einer spezifisch
weiblichen Moderne (für die eben der Typ der Garçonne steht) zusammentreffen.
Darüber hinaus hat das Jahrbuch eine interdisziplinäre Ausrichtung, da es im Fokus der Mode der
zwanziger Jahre verschiedene kulturwissenschaftliche Disziplinen in einen Dialog treten lässt. Die
Themenschwerpunkte reichen von Mode und Alltagskultur über Modezeichnungen, Modefotografie,
Modezeitschriften bis hin zur Mode in Kunst und Literatur. So hat die Mode in der Weimarer Republik
sogar zur Entstehung einer eigenen literarischen Gattung beigetragen, die Julia Bertschik entdeckt
hat und in ihrem Aufsatz als den deutschen Konfektionsroman bezeichnet. Dabei handelt es sich um
Romane, die sich kritisch mit den neuen Möglichkeiten in der Konfektionsbranche der 1920er Jahre und
den Folgen einer Massenkultur des Warenhauses auseinandersetzen.
Vanessa Loewel untersucht in ihrem Aufsatz, wie die Mode zu einem textuellen Bedeutungsträger
wird, indem sie sich mit den literarischen Zeitzeichen - u.a. so einprägsamen Accessoires wie
der chapeau-melon oder die fume-cigarette - in Erzählungen Paul Morands (1888-1976)
und Colettes (1873-1954) auseinandersetzt. Mode funktioniert bei beiden Autoren als minimalistisches
Zeichensystem; beiden genügt die Erwähnung eines modischen Details oder einer Anspielung, um
entsprechende Bilder und Assoziationen bei der zeitgenössischen Leserschaft aufzurufen.
Stephanie Bung untersucht anhand der Tagebücher der französischen Schriftstellerin Catherine
Pozzi (1882-1934) deren literarischen Umgang mit dem Zeichensystem "Mode". Anders als in den Erzählungen
Morands oder Colettes ist die Mode bei Catherine Pozzi weniger ein Zeitzeichen als eine Chiffre der
Intimität.
In ihrem Beitrag "Quand les garçonnes voyagent" zeigt Cécile Berthier auf, dass die neue - bequeme
und zweckmäßige - Kleidung den reisenden Abenteurerinnen und/oder Schriftstellerinnen mehr Spielräume
und Möglichkeiten eröffnete. Diese als "Bourlingueuses" (Globetrotterinnen) bezeichneten Frauen setzten
sich über die traditionellen Rollenzuweisungen hinweg und 'eroberten' als Seefahrerinnen, Pilotinnen,
Entdeckerinnen männliches Terrain.
Aber auch den daheimgebliebenen Frauen bot die neue Mode Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung.
"Frauen, die ihr Geld selbst verdienen" heißt 1926 eine Ausgabe des Modenspiegels, illustriert von
einer der bekanntesten Modezeichnerinnen der Weimarer Republik, Lieselotte Friedlaender (1898-1973),
deren großstädtisches Frauenbild Burcu Dogramaci analysiert. Ihre Illustrationen, Titelblätter und
Vignetten widmete Friedlaender zwar der aktuellen Mode, thematisierte und kommentierte jedoch
gleichzeitig das veränderte Frauenbild.
Einer anderen Chronistin des Großstadtlebens, Jeanne Mammen (1890-1976), widmet sich Christine
Mani. Mammen war die einzige Künstlerin der Neuen Sachlichkeit, die sich offen mit lesbischer Liebe
auseinandersetzte. Sie schuf Illustrationen zu Curt Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin (1931),
zu Pierre Louys' Lieder der Bilitis (1932) sowie zahlreiche weitere Illustrationen, die Frauen in der
Öffentlichkeit der Bälle oder Cafés diverser Damenclubs zeigen. Auch heute noch werden Publikationen
zum Thema lesbische Subkultur im Berlin der 1920er Jahre gerne mit Werken von Jeanne Mammen geschmückt.
Adelheid Rasche widmet sich dem "männlichen Blick" und untersucht das Bild der "Neuen Frau" in
einschlägigen Männer-Zeitschriften. Das Thema kommt in den ausgewählten Zeitschriften nur recht
vereinzelt vor. Rasche filtert drei Kernbereiche der männlichen Kritik gegenüber der "Neuen Frau"
heraus, die sich zum Teil in Texten, zum Teil in Karikaturen niederschlug: ihre (zu) selbstbewusste
Haltung gegenüber dem Mann, ihre Intellektualisierung bzw. Vermännlichung sowie ihre offene Erotik,
welche durch die Mode zusätzlich betont wurde.
Cécile Godefroy ermöglicht eine Sammlung von rund 500 Fotoabzügen aus dem Besitz verschiedener
Pariser Institutionen sowie der Familie Delaunay einen neuen Blick auf die textilen und vestimentären
Kreationen der Modeschöpferin Sonia Delaunay (1885-1979) in ihrer Boutique Simultanée, die sie von
1924 bis 1931 in Paris führte.
In einem weiteren Beitrag setzt sich Giovanna Zapperi mit den Fotografien Man Rays (1890-1976)
aus dem Jahre 1921 auseinander, die den französischen Maler und Objektkünstler Marcel Duchamp
(1887-1968) als sein weibliches Alter Ego Rrose Sélavy darstellen. Dabei handelt es sich um die
Zusammenarbeit zweier männlicher Künstler, die das (ein?) Bild einer Frau entstehen lässt, das
deutlich von der Mode der frühen zwanziger Jahre beeinflusst wurde. Leider ist dieser Beitrag
nicht illustriert. Schließlich widmet sich Julia Drost nochmals dem Roman von Victor Margueritte
und analysiert anhand der 1925 von Kees van Dongen illustrierten Ausgabe, wie dieser
die Garçonne interpretiert. Die beiden Herausgeberinnen Stephanie Bung und Margarete
Zimmermann fragen in ihrem Aufsatz "Drei Übersetzungen und eine Parodie: die deutsche Garçonne"
nach den Bedingungen und (Un-)Möglichkeiten eines Transfers der französischen Garçonne in den deutschen
Sprachraum. Insgesamt kann ihrer Meinung nach "von einem höchstens partiell geglückten Transfer von
Marguerittes trotz aller Ambiguitäten aufklärerisch-progressivem Wirklichkeitsentwurf die Rede sein,
denn diese Ambiguitäten werden durch die zum Teil mißlungenen und von neuen Skandalen begleiteten
deutschen Übersetzungen noch verstärkt" (S. 214). Abgerundet wird das Jahrbuch durch zwei
zeitgenössische Texte von Hans Reimann, die für die deutsche Rezeption des Romans besonders
aufschlussreich sind.
Fazit: Der Band bietet einen Einblick in die unterschiedlichen Facetten eines Phänomens
der zwanziger Jahre. Die Mode kreierte einen neuen Frauentyp, die moderne Frau. Kleidung war
konkrete körperliche Erfahrung und gleichzeitig Metapher für den befreiten Geist.
1
Vgl. hierzu auch Schader, Heike/ Regn, Christine: "Im Dienst der Sache". Die Bedeutung von Bildmaterial
in Zeitschriften homosexueller Frauen. Die 20er, 50er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts im Vergleich.
In: Invertito 5, 2003, S. 8-38, sowie Schader, Heike: Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität,
Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre, Königstein/Taunus:
Ulrike Helmer Verlag, 2004.
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