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Hans Davidsen-Nielsen / Niels Høiby / Niels-Birger Danielsen / Jakob Rubin:
Carl Værnet. Der dänische SS-Arzt im KZ Buchenwald.
Aus dem Dänischen von Kurt Krickler.
Mit einem Vorwort von Günter Grau und einem ergänzenden Kapitel über Eugen Steinach von Florian Mildenberger,
Wien: Edition Regenbogen 2004, 327 S., zahlreiche Abbildungen, € 19,90

Rezension von Herbert Potthoff, Köln

Erschienen in Invertito 7 (2005)

1998 richtete die britische Schwulengruppe Outrage! eine Anfrage an den sozialdemokratischen dänischen Ministerpräsidenten Poul Nyrup Rasmussen, in der sie Auskunft über das Schicksal des dänischen Arztes Carl Værnet und seine Verwicklung in die Verbrechen der Nazis verlangte. Die dänische Regierung brauchte fast eineinhalb Jahre, um mitzuteilen, dass sie keine Informationen über Værnet besitze, wies aber darauf hin, dass sich Dokumente aus dieser Zeit im dänischen Reichsarchiv befänden. Die Autoren des vorliegenden Buches gaben sich mit der Antwort nicht zufrieden. Die Ergebnisse ihrer Forschungen liegen nun in deutscher Übersetzung vor.
Carl Værnet wurde 1893 als Sohn eines Landwirts und Pferdehändlers in Løjenkær, einem Dorf in Jütland, geboren. Mit 14 Jahren beendete er die Volksschule und arbeitete danach auf dem väterlichen Hof, mit 17 bereitete er sich auf eine Lehrerausbildung vor, die er 1914 erfolgreich abschloss. Anschließend besuchte er Privatkurse, um die Reifeprüfung abzulegen. Er studierte in Kopenhagen Medizin und bestand Mitte 1923 das Examen mit der Bestnote "cum laude" - eine bemerkenswerte Leistung für einen jungen Mann vom Lande und aus nichtakademischem Elternhaus. Anfang der 1920er Jahre änderte er seinen Namen in Værnet, abgeleitet von "værne", schützen, verteidigen - was in der damaligen politischen Situation (Deutschland musste 1920 Nordschleswig - dänisch: Sønderjylland / Südjütland - nach einer Volksabstimmung an Dänemark abtreten) offensichtlich ein Zeichen setzen sollte. 1924 ließ er sich als praktischer Arzt in Kopenhagen nieder. Er wurde schnell ein beliebter und angesehener Arzt.
Carl Værnet unternahm zahlreiche Reisen, um neue medizinische Methoden kennen zu lernen. Besonders interessierte er sich für die Kurzwellentherapie. Damals setzte man diese Therapie vielseitig ein, u.a. auch zur Behandlung von Krebs. 1933 gründete er eine Klinik mit dem Schwerpunkt Kurzwellentherapie und avancierte zum "Modearzt" des besseren Kopenhagener Bürgertums. Die Honorare seiner reichen Patienten ermöglichten es ihm, arme Patienten kostenlos zu behandeln.
Vom Bauernsohn zum Modearzt - eine bemerkenswerte Karriere, aber kein Grund, Værnet hier in Invertito vorzustellen. Interessant für die Geschichte der Homosexualitäten ist Værnet, weil er schon früh mit einem damals ebenfalls neuen Spezialgebiet der Medizin in Berührung kam: der Hormontherapie. Anstoß gaben die Forschungen des Kopenhagener Professors Knut Sand. Nach Experimenten zur Beeinflussung des Geschlechtstriebes von Hähnen durch Hormongaben, transplantierte Sand vier homosexuellen Männern Hoden, in der Absicht, ihr sexuelles Begehren vom eigenen auf das andere Geschlecht umzulenken. Ähnliche Operationen wurden damals öfter durchgeführt, u.a. von dem Wiener Anatomen Eugen Steinach. Angeblich führten Sands Eingriffe in einem der Fälle zum Erfolg. Anfang der 1930er Jahre besuchte Værnet in Berlin mehrfach Magnus Hirschfeld und sein Institut für Sexualwissenschaft. Auch Hirschfeld hatte sich mit der Hormonbehandlung für Homosexuelle beschäftigt und mehrere Homosexuelle zu einer Hodentransplantation an Kollegen überwiesen. In Hirschfelds Institut will Værnet die entscheidenden Anregungen für sein "Lebenswerk", die künstliche Hormondrüse, erhalten haben. Diese Drüse sollte, nachdem sie unter der Haut eingepflanzt worden war, ihren Wirkstoff kontinuierlich und über einen längeren Zeitraum abgeben. Værnets Entwicklung ist die technische Grundlage für die noch heute in der Medizin eingesetzten Depotpräparate. 1941, Dänemark war inzwischen von Nazi-Truppen besetzt, berichtete die dänische Presse, dass Værnet nach Tierversuchen (aus weiblichen Küken waren nach Hormonbehandlung angeblich kräftige Hähne geworden) auch erfolgreich an Menschen experimentiert hatte. Ergebnis seiner Versuche: Männer mit "verkehrten Dispositionen" seien "völlig normal" geworden. Aber nicht seine Hormonversuche, sondern neue Erfolge bei der Kurzwellentherapie von Krebs machten die NS-Behörden auf Værnet aufmerksam: Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti lud ihn ein, seine Forschungen in Deutschland fortzusetzen.
Værnet war spätestens seit Ende 1940 Mitglied der Dänischen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei. Ob der Eintritt auf Grund politischer Überzeugung erfolgte oder durch den Wunsch bestimmt war, seine Praxis und seine Forschung zu sichern, ist nicht bekannt. Værnet machte in der Partei keine Karriere, war aber an mehreren Projekten beteiligt, die das Ziel hatten, das Verhältnis zwischen der dänischen Bevölkerung und den NS-Besatzern zu verbessern. Seine Sympathien für die Nazis führten dazu, dass die Zahl seiner Patienten zurückging und damit auch seine Einnahmen sanken. Zudem wurde es wegen kriegsbedingter Engpässe immer schwieriger, für seine Forschung das nötige Material zu beschaffen. So verkaufte Værnet seine Klinik an die Wehrmacht und verließ im Oktober 1943 mit seiner zweiten Frau und vier seiner sechs Kinder Dänemark in Richtung Deutschland. Dort fand er die Unterstützung von Reichsarzt-SS und General der Waffen-SS Ernst Grawitz und durch dessen Vermittlung auch von Heinrich Himmler. Himmler scheint von Værnets Hormonforschungen einen Beitrag zur Lösung des "Homosexuellen-Problems" erwartet zu haben. In Zusammenarbeit mit der SS-Firma Deutsche Heilmittel konnte Værnet in Prag weiterarbeiten. Voraussetzung war, dass er als Sturmbannführer F (= Fachführer) in die SS eintrat. Nach umfangreichen Tierversuchen sollte Værnets künstliche Drüse am Menschen ausprobiert werden - an Häftlingen des KZ Buchenwald. Die Versuche fanden von Sommer bis Herbst 1944 statt. Insgesamt wurde die Drüse 17 Männern eingepflanzt, darunter zehn Homosexuelle. Værnet war mit den Resultaten sehr zufrieden: Die Häftlinge erhofften vermutlich eine bessere Behandlung oder gar die Freilassung, wenn sie bei der Befragung nach den Operationen die "richtigen" Antworten gaben. Eugen Kogon, damals Schreiber im Häftlingskrankenrevier in Buchenwald, vermerkt in seinem Erinnerungsbuch: "Irgendein positives Ergebnis wurde allerdings auch nicht erzielt." Værnet fasste seine Ergebnisse in einem Bericht zusammen, den er im Februar 1945 in Berlin überreichte. Der Bericht begann mit einer langen Huldigung an Himmler; auf seine Menschenexperimente ging Værnet nur am Rande ein. An originärer wissenschaftlicher Leistung dokumentierte der Bericht wenig; einzig die Technik der künstlichen Drüse war zukunftsweisend und wurde von Værnet auch zum Patent angemeldet.
Über das Schicksal der Versuchspersonen ist wenig bekannt: Zwei Männer starben noch in Buchenwald, einer davon an den Folgen der Operation, einer wurde nach Dachau verlegt, wo sich seine Spur verliert. Mit einem Überlebenden sprachen die Autoren. "Die ganzen jungen Jahre wurden zerrissen. Aber die Sachen verwässern sich im Laufe der Jahre, und der Hass ist nicht mehr so schlimm", zitieren sie ihn (S. 253). Das bezieht sich auf eine fast fünfjährige Haftzeit im Zuchthaus und verschiedenen KZ. Irgendeine Wirkung der Hormon-Implantation verspürte er nicht; gegenüber Værnet hegt er keinen besonderen Hass.
Im März 1945 kehrte Værnet nach Dänemark zurück. Nach der Befreiung Dänemarks wurde er wegen seiner Beziehungen zur Nazipartei und zur Wehrmacht verhaftet. In den Verhören verharmloste er Umfang und Art seiner Kollaboration mit den Nationalsozialisten und bestritt insbesondere medizinische Versuche an KZ-Häftlingen. Familie und Freunde setzten sich für seine Freilassung ein. Da Belege für gravierende Verfehlungen Værnets nicht vorlagen, wurde er, auch wegen einer angeblich lebensbedrohenden Erkrankung, im Februar 1946 aus der Haft entlassen. Die Behörden erlaubten ihm im Herbst, obwohl die Ermittlungen noch liefen, die Ausreise nach Schweden. Auf Grund neuer Erkenntnisse wurde im Dezember 1946 erneut ein Haftbefehl ausgestellt. Vor einem Auslieferungsersuchen verließ Værnet Schweden in Richtung Südamerika, wohl auf einer der damals bestehenden Nazi-Fluchtrouten. 1947 folgte ihm seine Familie nach Argentinien.
Im Laufe des gleichen Jahres wurden im Zusammenhang mit dem Nürnberger Ärzteprozess, bei dem Værnets Experimente mehrfach zur Sprache kamen, seine Aufenthalte im KZ Buchenwald und die Tatsache, dass er dort Versuche an Häftlingen vorgenommen hatte, bekannt. Die dänischen Behörden verteidigten die Ausreiseerlaubnis gegenüber der empörten Öffentlichkeit. Auf ein Auslieferungsersuchen verzichteten sie aber mit der Begründung, dass es keine Aussicht auf Erfolg habe. Die Autoren bewerten das Verhalten der dänischen Behörden eher als Unaufmerksamkeit und durch Desorganisation verursacht, weniger als bewusste Fluchthilfe.
In Argentinien fasste Værnet schnell Fuß: Er erhielt schon bald unter dem Namen Carlos Pedro Varnet die argentinische Staatsbürgerschaft und eine Anstellung im Gesundheitsministerium. Das entsprach der Politik des sich gerade etablierenden Peron-Regimes, aus Europa geflohene Fachleute aufzunehmen, um von deren Erfahrungen zu profitieren; Beteiligung an Verbrechen der faschistischen Regime war dabei kein Hinderungsgrund. Værnet verfolgte das Projekt seiner künstlichen Drüse weiter, fand aber nicht die nötige Unterstützung. Nach zwei Jahren ließ er sich wieder als praktischer Arzt nieder. Nach einem schweren Verkehrsunfall und dem Freitod seiner Frau bemühte er sich um die Erlaubnis, nach Dänemark zurückkehren zu dürfen; diese wurde ihm jedoch zweimal verwehrt. Einsam und unter Heimweh leidend verbrachte er seine letzten Jahre in Argentinien. Er starb 1965 mit 73 Jahren in Buenos Aires und ist auch dort begraben.
Carl Værnet spielte keine bedeutende politische Rolle und im Vergleich mit den Verbrechen seines Kollegen Mengele wiegt seine Schuld vergleichsweise gering (wenn solche Vergleiche überhaupt zulässig sind). Er handelte nicht in Tötungsabsicht, möglicherweise war er sogar der Überzeugung, zum Wohle seiner Opfer und künftiger Patienten zu handeln. Trotzdem war mindestens einer der Todesfälle direkte Folge des Eingriffs durch Værnet. Er kannte keine Bedenken, Gefangene ohne ihre Zustimmung für Experimente mit ungewissem Ausgang zu missbrauchen. Die Einpflanzung der Hormonpräparate war insofern eine Verletzung der Menschenwürde und der körperlichen Unversehrtheit seiner Versuchspersonen. Er machte Menschen zu Objekten, handelte zur Beförderung seiner wissenschaftlichen Karriere und mit Gewinnabsichten und stellte sich obendrein in den Dienst eines verbrecherischen Regimes.
Mit seiner Überzeugung, dass Homosexuelle durch medizinische Behandlung zu "heilen" seien, stand und steht Værnet nicht allein. Er war und ist nicht der Einzige, der in dieser Richtung aktiv wurde. Er war und ist nicht der Einzige, der sich aus opportunistischen oder Gründen der Überzeugung einem diktatorischen Regime als Handlanger zur Verfügung stellt(e). Er war und ist nicht der Einzige, dem es gelang, sich seiner Verantwortung zu entziehen. Insofern sind Verhalten und Schicksal typisch und werden nicht zum ersten Mal dokumentiert.
Die Autoren stützen sich auf zahlreiche Zeugenbefragungen ebenso wie auf Archivrecherchen in Dänemark, Deutschland und Argentinien und haben umfangreiches, bisher nicht bekanntes Material zu Tage gefördert. Einbezogen in den biographischen Erzählstrang sind reportagehafte Berichte über die Recherchen. Offensichtlich um Spannungsbögen aufzubauen, weichen die Verfasser mehrfach vom chronologischen Ablauf ab und scheuen an manchen Stellen nicht davor zurück, ihre Rechercheergebnisse fast im Stile von Enthüllungsjournalisten zu präsentieren. Gut getan hätte dem Buch sicher eine etwas stärkere Konzentration auf die Hauptperson und der Verzicht auf die Schilderung von manchmal allzu vielen Einzelheiten zu Personen aus dem Umfeld Værnets. Die zuletzt genannten Punkte ändern aber nichts daran, dass es den Autoren gelungen ist, eine spannende Biographie vorzulegen und die Kenntnis über einen wichtigen Teilbereich der Geschichte homosexueller Männer zu vertiefen.
"Carl Værnet verkörpert heute all die Verfolgung, der Homosexuelle die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch ausgesetzt waren. Er ist ein Symbol für die Unterdrückung, die auch heute noch in vielen Ländern existiert", schreiben die Autoren (S. 11). Das allein rechtfertigt die Beschäftigung mit dem Leben Værnets. Auf einen zusätzlichen Aspekt weist Günter Grau in seinem Vorwort hin, indem er eine Linie von den Menschenversuchen der Nazis zu den Problemfeldern der heutigen Medizin und medizinischen Ethik zieht: Værnets Beispiel kann als Warnung davor dienen, alles Machbare zu machen. Dank gebührt der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien, die für die Herausgabe dieses wichtigen Buches in deutscher Sprache verantwortlich zeichnet. Ergänzende Informationen und Dokumente (auf englisch, dänisch, spanisch) finden sich im Internet unter http://users.cybercity.dk/~dko12530/ hunt_for_danish_kz.htm.