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Fritz J. Raddatz:
Unruhestifter. Erinnerungen,
München: Propyläen Verlag 2003, 495 S., 24

Wolfgang Cordan:
Die Matte.
Autobiografische Aufzeichnungen.
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Manfred Herzer.
Anhang: Wolfgang Cordan: Tage mit Antonio (Bibliothek rosa Winkel, Band 33),
Hamburg: MännerschwarmSkript Verlag 2003, 384 S., 24

Frank Clare:
Zwei Welten.
Eine Jugend im nationalsozialistischen Deutschland.
Mit einem Nachwort von Thorsten Fögen (Bibliothek rosa Winkel, Band 34),
Hamburg: MännerschwarmSkript Verlag 2003, 320 S., 20

Rezension von Herbert Potthoff, Köln

Erschienen in Invertito 6 (2004)

Ich möchte hier drei im letzten Jahr erschienene, sehr unterschiedliche autobiografische Texte besprechen, die von Männern verfasst wurden, die sich sexuell vom eigenen Geschlecht angezogen fühlen oder fühlten. Die drei Bücher haben wenig gemeinsam, dennoch möchte ich sie hier zusammen vorstellen, hauptsächlich unter der Fragestellung, wieweit sie als Quellen zur Geschichtsschreibung der Homosexualitäten nützlich sind. Es wird immer wieder beklagt, dass diesem speziellen Zweig der Historiografie zu wenig Quellen zur Verfügung stehen. Das ist sicher zutreffend, wenn man mit anderen Bereichen der Geschichtsforschung vergleicht. Umso notwendiger ist es, das auszuschöpfen, was vorliegt. Aussagekraft und Problematik autobiografischer Texte, insbesondere von Männer begehrenden Männern, wurden an anderer Stelle bereits ausführlich erörtert, z.B. in Gerhard Härle / Maria Kalveram / Wolfgang Popp (Hg.): Erkenntniswunsch und Diskretion. Erotik in biographischer und autobiographischer Literatur (Berlin: Verlag rosa Winkel 1992) und Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann (Göttingen: Wallstein Verlag 1994). Die Titel dieser Werke sprechen das grundlegende Problem an und deshalb soll der Verweis darauf hier genügen.
Schwul im Sinne von selbstbewusst homosexuell, wie der Begriff in Invertito gebraucht wird, war bzw. ist keiner der drei vorgestellten Autoren. Fritz J. Raddatz (geboren 1931) bezeichnet sich zwar in seinem Lebensbericht Unruhestifter als homosexuell, gelegentlich auch als schwul, deutet aber gleichzeitig auch engere Beziehungen zu Frauen an, wobei offen bleibt, ob diese sexueller Natur waren. Manfred Herzer, Herausgeber von Wolfgang Cordans (1908-1966) autobiografischen Aufzeichnungen Die Matte, nennt Cordan "schwul", eine Bezeichnung, die aber in Frage zu stellen ist. Angemessener wäre es wohl, Cordans Begehren als homoerotisch zu charakterisieren, wie es Gert Hekma in der niederländischen Homosexuellenzeitschrift Gay News, 16.4.2004, tut.[1] Frederic W. Clayton (Pseudonym Frank Clare; 1913-1999) mit einem Wort zu charakterisieren, fällt noch schwerer: Er war, wenn man den hier besprochenen Roman als autobiografisches Zeugnis ernst nimmt, offensichtlich an Jugendlichen bzw. jungen Männern sexuell interessiert, ob er sein Interesse aber in homosexuelle Handlungen umgesetzt hat, ist nicht bekannt. Nach dem Tod des von ihm verehrten Jungen / jungen Mannes, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, heiratete er dessen Schwester; sie hatten vier Kinder. Schon diese kurzen Andeutungen weisen auf die Unterschiedlichkeit der Lebensläufe und der sexuellen Orientierung hin.

Der jüngste der drei Texte sind die Erinnerungen von Fritz Joachim Raddatz. Raddatz machte nach dem Studium in (Ost-)Berlin schnell Karriere beim Verlag Volk und Welt, verließ 1958 die DDR, war 1960 bis 1969 stellvertretender Verlagsleiter des Rowohlt-Verlages, 1977 bis 1985 Feuilleton-Chef der Zeit. Er ist einer der wichtigsten deutschen Literaturkritiker, Herausgeber der Werke Kurt Tucholskys und Walter Mehrings; lehrte an der TU Hannover; verfasste Essays, in denen er sich u.a. mit homosexuellen Autoren wie Hubert Fichte, Jean Genet und James Baldwin auseinander setzte; veröffentlichte eine Reihe autobiografisch geprägter Romane und Erzählungen. Raddatz ist einerseits anerkannt, andererseits umstritten. Dabei spielt sein politischer Standort eine Rolle, der irgendwo zwischen undogmatisch sozialistisch und linksliberal einzuordnen ist und im Widerspruch zu seinem Lebensstil (Stichworte: Porsche fahren, Champagner trinken, Urlaub auf Sylt - "Revoluzzer im Maßanzug") gesehen wird. Raddatz ist selbstbewusst bis an die Grenze der Überheblichkeit und machte sich als Kritiker nicht nur Freunde. Homosexualität scheint beim Urteil über seine Person kaum eine Rolle zu spielen. Raddatz nennt sich selbst, wie gesagt, mal schwul, mal homosexuell, betont andererseits, dass er zu den Männern gehört, die Männer und Frauen lieben, von Männern und Frauen begehrt werden. Homosexuelles Begehren ist also ein selbstverständlicher Teil seiner Person, er definiert sich aber nicht über seine sexuelle Orientierung. In der Homosexuellenbewegung scheint er sich nicht engagiert zu haben, die kommerzielle homosexuelle Subkultur ist ihm dagegen nicht fremd. Er wirkte bei der TV-Dokumentation Es ist ein großes Geschrei über Sodom (1996) über Homosexualität und Literatur mit und förderte in seinen Verlagspositionen homosexuelle Autoren, aber nicht weil sie homosexuell waren, sondern wenn sie seinen Ansprüchen an / Vorstellungen von moderner Literatur genügten.
Seine Autobiografie ist keine gradlinige Erzählung: "Mein Leben, retrospektiv betrachtet, bietet ja diese kettenähnlich schwingenden, ineinanderhakenden Zufälle, Bindungen, Beziehungen, mal abtauchend, mal auftauchend" (S. 237). In die Erzählung eingefügt sind Briefe und Tagebuchauszüge, in jedem Kapitel wird eine Person näher vorgestellt, die im Leben des Autors eine besondere Rolle gespielt hat, z.B. Kurt Tucholskys Witwe Mary Tucholsky, der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, die Schriftsteller Günter Grass und Uwe Johnson, der Literaturwissenschaftler Hans Mayer - um nur wenige zu nennen. Diese Passagen gehören, vor allem, wenn Raddatz aus Briefen und Tagebüchern zitiert, zu den eindringlichsten Abschnitten in seinem Buch. Seine wissenschaftlichen, journalistischen und belletristischen Arbeiten, ihr Entstehen und ihre Wirkung, blendet Raddatz nicht aus, sie spielen aber nur eine untergeordnete Rolle in seinen Erinnerungen. Die Hauptrolle spielen die Menschen: Das Personen-Register umfasst 14 Seiten mit fast 1000 Einträgen. Raddatz war sich der Problematik selbst bewusst: "Schwarze Katze der Skepsis: Wird ein heutiger Leser mit manchen Namen überhaupt noch etwas verbinden, oder werden Ereignisse, Zusammenhänge bereits verblasst sein?" (S. 197) Vieles, was er berichtet, ist Klatsch und Tratsch, schwankt zwischen Stichelei und Besserwisserei. Das macht die Lektüre amüsant, die Unmenge an Namen und Fakten führt aber vielfach auch zu Oberflächlichkeit, Ungenauigkeit und Verzicht auf Zusammenhänge. Zahlreiche Informationen sind allenfalls Mosaiksteinchen, die man einem bereits bestehenden Bild einfügen kann; mangels konkreter Datierung und Lokalisierung hat vieles nur anekdotischen Wert, ist in wissenschaftlichen Arbeiten schwer verwertbar - diese Art Verwertbarkeit war aber wohl auch nicht Intention des Verfassers.
Raddatz schont weder sich noch andere. Hubert Fichtes Tagebuch-Manuskript, in dem dieser u.a. auch Raddatz porträtiert, nennt er "Sammelsurium von Gemeinheiten" und literarischen "Giftmüll" (S. 220). Hans Mayers Eitelkeiten und Egoismus stellt er schonungslos bloß, bezeugt gleichzeitig Respekt vor Mayers Schicksal als Emigrant und dessen wissenschaftlichem Werk, auch wenn Mayer darin mit Maßstäben des 19. Jahrhunderts messe. Hans Mayer als Mensch schließlich weckt Raddatz' Mitgefühl: ein "Leben ohne Partner, frierend vor den scheppernd grinsenden Stellspiegeln der Einsamkeit" (S. 429f.).
Raddatz liefert ein (meist) unterhaltsames Panorama von fast 50 Jahren deutschen Literaturbetriebs, gesehen vom persönlichen und subjektiven Standort aus, als Quelle für die Geschichte der Homosexualitäten von eingeschränktem Wert, aber im Einzelfall (und nicht nur bezüglich Hubert Fichte oder Hans Mayer) ist die Lektüre durchaus erkenntnisfördernd.

Raddatz scheint Wolfgang Cordan nicht gekannt zu haben; Cordans Gedichte und auch sein erzählerisches Werk entsprechen auch nicht den Anforderungen, die Raddatz an Literatur des 20. Jahrhunderts stellt; einen Berührungspunkt hätte es aber doch gegeben: Raddatz hat sich immer für das Werk emigrierter und verfolgter Autoren eingesetzt, insbesondere für Autoren, die den NS-Machtbereich aus politischen Gründen verließen oder verlassen mussten. Cordan gehört zu den ersten Schriftstellern, die im Exil eine Schrift gegen die NS-Diktatur veröffentlichen (unter dem Pseudonym Heinz Horn: L'Allemagne sans masque, Paris 1933; mit einem Vorwort von André Gide). Seine antinazistische Position war konsequent bis zur aktiven Beteiligung am niederländischen Widerstand gegen das NS-Regime. Karl Kröhnkes Vorwürfe, der Cordan auf der Basis von Gerüchten und ohne Belege der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt (Forum Homosexualität und Literatur, Heft 24, S. 72), wurden von Manfred Herzer in: Burkhard Jellonek / Rüdiger Lautmann (Hg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle (Paderborn: Schöningh Verlag 2002, S. 131, Anm. 6) zurückgewiesen. Nach dem Krieg unternahm Cordan Reisen im Mittelmeerraum und veröffentlichte Reiseberichte, Romane und Erzählungen. U.a. auch die im Anhang der vorliegenden Ausgabe wieder abgedruckte Erzählung Tage mit Antonio, in der der Held von einem jungen Italiener zum Sex verführt wird. 1953 schließlich ließ sich Cordan in Mexiko nieder, wo er sich der Erforschung der Maya-Kultur widmete. Nach eigener Auskunft heiratete er dort und hatte auch einen Sohn; weder Frau noch Sohn konnten allerdings ermittelt werden, als nach seinem Tod Erben gesucht wurden.
Cordans "autobiografische Aufzeichnungen" Die Matte sind ein bemerkenswertes Dokument, 2003 erstmals publiziert, von Manfred Herzer herausgegeben und mit einem kurzen Nachwort versehen. Leider fehlen erläuternde Anmerkungen, angefügt ist aber ein Personenregister, das fast 400 Namen umfasst. Cordan hat seine Erinnerungen in Mexiko verfasst, ohne Hilfsmittel, allein auf sein Gedächtnis gestützt. Das erklärt auch kleinere Ungenauigkeiten wie die Datierung seines ersten Zusammentreffens mit Klaus Mann. Cordan, aus bürgerlichem Elternhaus stammend, beginnt seine Erzählung mit seinem politischen und künstlerischen Erwachen in der Spätphase der Weimarer Republik. Er tendiert zur undogmatischen Linken und verkehrt im jugendbewegten, proletarisch-anarchistischen Milieu. Politisch beeinflusst wird er durch Erich Mühsam, kulturell durch die Bauhaus-Künstler und durch Erwin Piscators revolutionäres Theater. Aus dieser Zeit erinnert er sich an Besuche in den Berliner Homosexuellen-Lokalen Eldorado und Adonis-Diele - offenbar Cordans erste Kontakte mit der homosexuellen Subkultur - und an die Uraufführung von Peter Lampels Pennäler, seltene authentische Dokumente. Dass er junge Männer anziehend fand, hatte er spätestens erkannt, als er 1930/31 in Istanbul Sekretär eines Orientalisten war, der mit einem jungen Russen zusammenlebte. Aber: "Mein Eros ging ins Geistige, ohne es zu wissen [...] sublimierte ich fortgesetzt." (S. 57). Lampels Stück und die Art und Weise, wie darin das Thema Homosexualität auf die Bühne gebracht wurde, nennt Cordan allerdings geschmacklos, die Adonis-Diele ist für ihn eine Lasterhöhle, was ihn jedoch nicht daran hindert, Gerhard, einen der dort anschaffenden Jungen, zeitweise in seine Wohnung aufzunehmen und sich um ihn bis zu seiner Emigration zu kümmern. Gerhard war offenbar Cordans erster männlicher Sexualpartner.
Cordans Bericht über seine Zeit in der Emigration in den Niederlanden, seine verschiedenen Zeitschriftenprojekte und seine Kontakte zur Quäker-Schule Kastell Eerde, ein Schulexperiment nach dem Vorbild der deutschen freien Schulgemeinden der Vor-Nazi-Zeit, sind spannend zu lesen. Das gilt noch mehr für die Darstellung der Aktivitäten des holländischen Widerstands und Cordans Mitwirkung dabei. Die homosexuellen Aspekte seines Lebens spielen aber in seinen Aufzeichnungen nur eine untergeordnete Rolle. In Eerde lernte Cordan Johannes Piron kennen, mit dem er lange befreundet war. Aus anderen Quellen (Briefen und Tagebüchern Cordans) lässt sich schließen, dass diese Freundschaft mehr als platonisch war. - In Cordans Aufzeichnungen ist darüber nichts zu finden. Seiner zunächst engen, dann sich abkühlenden Freundschaft mit Wolfgang Frommel, einem deutschen Dichter, der ebenfalls in die Niederlande emigriert war, widmet Cordan mehrere Seiten. Dass Frommel homosexuell war und einen Kreis gleich Gesinnter um sich geschart hatte, erfährt man von Cordan nicht; allenfalls kann man es daraus ableiten, dass im Kreis um Frommel Schüler und Gedichte Stefan Georges eine wichtige Rolle spielten. Warum Cordan seinem gleichgeschlechtlichen Begehren und den homo-sozialen Aspekten seines Umfelds in den Niederlanden in seiner Autobiografie nur so wenig Platz einräumt bzw., wenn man es schärfer ausdrücken will: warum er sie verdrängt - darüber kann man Vermutungen anstellen (die ich mir hier spare) und man kann es bedauern. Aber: Autobiografische Aufzeichnungen sind subjektive Dokumente. Der Autor wollte, dass wir ihn so sehen. Spannend und lesenswert sind seine Aufzeichnungen trotzdem.

Zeitliche Überschneidungen mit Cordans Aufzeichnungen gibt es bei dem dritten hier vorgestellten Text: Frank Clares Roman Zwei Welten. Eine Jugend im nationalsozialistischen Deutschland, auf Englisch erstmals 1942 erschienen unter dem Titel The Cloven Pine. Für Deutschland entdeckt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen wurde der Text von Thorsten Fögen. Frank Clare ist ein Pseudonym für Frederick W. Clayton, der sich bei seinem Text auf eigene Erlebnisse und Erfahrungen während eines Deutschlandaufenthalts Mitte der 1930er Jahre stützt. Clayton arbeitete während dieser Zeit in Dresden als Englischlehrer; es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen dem jungen Lehrer, im Roman David Beaton genannt, und seinem 16-jährigen Schüler Götz. Die Geschichte dieser Freundschaft ist neben der Darstellung der Verhältnisse im nationalsozialistischen Deutschland Hauptinhalt der Erzählung. Vermutlich erschien dieser Teil der Erzählung dem Autor oder seinem Verlag, dem renommierten Londoner Haus Secker & Warburg, so gewagt, dass der Roman unter Pseudonym veröffentlicht wurde. Clayton lässt an seiner kritischen Distanz gegenüber dem NS-Regime keinen Zweifel: Er beschreibt die politischen Verhältnisse und die Lebenssituation in Deutschland und England als "Zwei Welten". Die Diskussion der Unterschiede zwischen beiden Ländern, eingebaut als Reflexionen des Autors und in Gespräche mit dem jungen Götz oder regimetreuen Lehrern, durchzieht den ganzen Roman. Dass der 16-jährige Götz schon Oswald Spengler und Gustave Le Bon gelesen haben soll, ist unwahrscheinlich, ermöglicht dem Autor aber Diskurse gleichsam auf philosophischem Niveau. Für einen deutschen Leser nicht unbedingt neu, für den englischen Leser seinerzeit sicher ausgesprochen interessant sind Claytons Beschreibungen des Alltags junger Deutscher in Schule und Freizeit. Er zeigt anschaulich, dass das Leben nicht nur der Heranwachsenden im NS-Staat geprägt war durch die Allgegenwart der nationalsozialistischen Ideologie und Indoktrination und die Schwierigkeiten, sich diesem Einfluss zu entziehen.
Eingewoben in diese genau beobachtete Beschreibung der politischen Verhältnisse ist die Entwicklung der Beziehung zwischen dem jungen Lehrer und seinem Schüler Götz. Von Seiten des Lehrers ist sie geprägt durch homoerotisches Begehren, von Seiten des Schülers durch die Wahrnehmung eigener gleichgeschlechtlicher Gefühle und die Auseinandersetzung mit diesen in einer Umwelt, in der homosexuelle Handlungen zwischen Männern strafbar sind. Götz ist diese Strafbarkeit bewusst und er scheint ihr anfangs auch zuzustimmen, wenn er z.B. seinen Vater zitierend die Röhm-Morde im Gespräch damit rechtfertigt, dass doch jeder seinerzeit schon lange von den "Schweinereien" gewusst habe. Gegenüber einem Hetz-Artikel des Stürmer über einen Juden, der deutsche Jungen verführt haben soll, bezieht er wenig später aber schon Distanz, einmal, weil er auch hier die Position seines Vaters übernimmt, der den Stürmer prinzipiell ablehnt, aber auch, indem er den Begriff Verführung in Frage stellt. Schließlich ist er dabei, bei sich selbst homosexuelle Gefühle zu entdecken. Homosexueller Sex spielt in der Beziehung zwischen Götz und seinem Lehrer keine Rolle; alles bleibt auf der Ebene der Gefühle und Wünsche - vielleicht, weil der Vertrag David Beatons als Gastlehrer zeitlich begrenzt ist. Interessant ist noch ein zweiter Lehrer im Roman. Von diesem, einem überzeugten Nationalsozialisten, ist offenbar allgemein bekannt, dass er homosexuell ist und sein Begehren auch auslebt. Auch er bemüht sich um Götz. Von negativen Folgen seiner homosexuellen Aktivitäten wird im Roman nichts berichtet.

Es gibt, wie gesagt, relativ wenig Quellen zur Geschichte gleichgeschlechtlichen Begehrens. Das gilt auch für die Zeit des Nationalsozialismus, vor allem, wenn man von Dokumenten absieht, die durch die Verfolgung und im Zusammenhang mit der Verfolgung entstanden sind. Ein einzelner Bericht kann diese Lücke nicht füllen, zumal Clayton gleichsam zwei Filter zwischen das Geschehen und seine Darstellung geschaltet hat: Er schreibt einen autobiografischen, also subjektiven Text und fiktionalisiert ihn zusätzlich. Die Gefühle und Entwicklung des von ihm begehrten Jungen mag er gut beobachtet haben, die eigene Sicht des Jungen fehlt uns aber; Götz ist, wie erwähnt, im Weltkrieg gefallen.
Für Claytons Roman wie für die beiden anderen hier vorgestellten autobiografischen Texte gilt, um die oben aufgeworfene Frage nach der Relevanz für die Geschichte der Homosexualitäten noch einmal aufzugreifen: Jeder Text für sich genommen ist ein wichtiges Zeitdokument. Einzelne Texte können Beiträge zu einem Gesamtbild liefern und sollten auch bei entsprechender Fragestellung als Quelle herangezogen werden. Ohne zusätzliche Informationen aber sind sie spannend zu lesen; weitergehende Schlüsse sind aus ihnen allein aber nicht zu ziehen.

[1] Gert Hekma: Castrum Peregrini - Twee Wolfgangs; siehe http://www.gaynews.nl/ article.php?sid=669 (8.5.2004).