Rezension von Jürgen Müller, Köln
Die Geschichte der männlichen und weiblichen Homosexuellen in den ersten zwei Jahrzehnten des 20.
Jahrhunderts ist noch weitgehend unerforscht. Die Quellenlage stellt dabei wohl das Hauptproblem dar.
So fehlen für eine Analyse der Verfolgungsinstitutionen die Gerichts- und Polizeiakten. Auch das Nachzeichnen
des Alltags homosexueller Männer und Frauen und ihrer Subkultur gestaltet sich schwierig, da zeitgenössische
Selbst- und Fremdäußerungen nur in geringem Umfang zur Verfügung stehen. Zu den zentralen Quellen für die
diese Zeit zählen deshalb zwei Periodika, die Zeitschrift Der Eigene und das Jahrbuch für sexuelle
Zwischenstufen. Zu Letzterem liegt nun eine Publikation vor, die Historikern und Historikerinnen ihre
Arbeit sehr erleichtern wird. Jens Dobler hat zu den 23 Bänden des Jahrbuchs, die insgesamt 11.000 Seiten
umfassen, in siebenjähriger Arbeit ein Namensregister erstellt. Er erfasst, wie inzwischen üblich, unter
dem Titel Jahrbuch auch die zeitweise anstelle des Jahrbuchs erschienenen Vierteljahresberichte des
Wissenschaftlich-humanitären Komitees.
Jens Dobler beschreibt das Jahrbuch als eine "einzigartige Sammlung von Forschungsbeiträgen
über sexuelle und geschlechtliche Minderheiten, insbesondere Homosexuelle, Transvestiten und Hermaphroditen,
in all ihren Facetten der Biologie, des Emanzipationskampfes, der Literatur, der Kunst, der Religion und
der Biographieforschung. In seiner Gesamtheit gibt das Jahrbuch den Stand der damaligen Sexualwissenschaft
wieder." (S. 7) Diese Charakterisierung macht die Bedeutung des Jahrbuchs für die Anfänge der modernen
Homosexuellen-Geschichte klar.
Neben Artikeln aus den unterschiedlichsten Forschungsbereichen bietet das Jahrbuch eine umfassende
Bibliographie zum Thema Homosexualität. Dieses Verzeichnis erfasst fast alle seit dem 18. Jahrhundert
gedruckten Schriften zur (Homo-)Sexualität, die wissenschaftliche und Sachliteratur ebenso wie literarische
bzw. belletristische Werke. Es wurde seit dem zweiten Jahrgang von dem Juristen Eugen Wilhelm (Pseudonym
Numa Praetorius) verfasst und von diesem bis 1922 fortgeführt, mit einer Unterbrechung im Ersten
Weltkrieg, von Bd. 15 (1915) bis Bd. 18 (1918). In einzelnen Jahrgängen umfasst es weit über 200 Seiten
und schließt umfangreiche Rezensionen ein. Zum Thema Hermaphroditismus beim Menschen publizierte der
Mediziner Franz Neugebauer zwei Bibliographien im Jahrbuch (Bde. 7 und 8).
Ein weiterer Schwerpunkt des Jahrbuchs ist die regelmäßige Dokumentation der (Tages-)Presse.
Unter wechselnden Überschriften ("Zeitungsmitteilungen", "Zeitungsausschnitte", "Kritische Äußerungen in
Tagespresse und Zeitschriften über den Homosexualitätsparagraphen 250 (bisher § 175) des Vorentwurfs zu
einem Deutschen Strafgesetzbuch" oder einfach "Materialien") werden Artikel zu verschiedensten Aspekten des
Themas Homosexualität wieder abgedruckt, teilweise ergänzt durch Leserzuschriften. Die inhaltliche Spannbreite
reicht von Prozessberichten über politische und juristische Diskussionen bis hin zu Artikeln über Erpressungen
und Selbstmorde mit homosexuellem Hintergrund.
Als wichtige Quelle bietet sich das Jahrbuch für Informationen zum Wissenschaftlich-humanitären Komitee
(WhK) an. So berichtet es regelmäßig über Aktivitäten des WhK (z.B. über die Petition zum § 175), bis
einschließlich Bd. 9 erfolgt ein Abdruck der Jahresberichte Magnus Hirschfelds; in den folgenden Jahrbüchern
erscheint die Rubrik "Komitee-Mitteilungen". Weitere Informationen ermöglichen einen Blick auf die
Vereinsfinanzen und die Mitgliederstrukturen.
Dem Herzstück von Jens Doblers Publikation, dem Namensregister, ist eine von Theo Lamers zusammengetragene
Inhaltsübersicht für alle 23 Bände des Jahrbuchs vorangestellt. Eingeleitet werden die Angaben zu jedem
Jahrgang bzw. Band mit der Reproduktion des jeweiligen Titelblattes. Dem folgen von Marita Keilson-Lauritz
recherchierte grundlegende Daten wie Titel, Erscheinungsdatum, Druck und Publikationsform (Bandzahl,
Seitenumfang) und schließlich die bibliographische Erfassung der Artikel und Rubriken in der Reihenfolge
ihres Abdrucks.
Das von Jens Dobler erstellte Namensregister selbst umfasst knapp 300 der 394 Seiten, zusätzlich zum
Register mit 16.000 Namenseinträgen und 40.000 Seitenangaben ist ein Firmenregister abgedruckt, das
überwiegend ein Verlagsregister ist (hier gibt es mehr als 800 Eintragungen). Die Einführung zur
Registerbenutzung beinhaltet knapp und informativ den Aufbau des Registers. So erfasst Dobler nicht
nur reale, sondern auch fiktive Personen, wie zum Beispiel die literarische Gestalt des Dorian Gray;
eine Begründung für die Aufnahme dieser Personen gibt Dobler nicht. Ebenso sind alle Personen verzeichnet,
die nur mit Vor- oder Nachnamen bekannt sind. Soweit Personen nicht eindeutig bestimmbar waren, erhielten
sie in Klammern einen Zusatz in Form einer knappen Erläuterung, beispielsweise "Robbie (Freund von Oscar
Wilde)". Namenskürzel und Anonyma hat Dobler ebenfalls aufgenommen und soweit möglich durch
Zusatzinformationen spezifiziert. Nicht enthalten sind Personen, die nur durch Adjektive näher
gekennzeichnet wurden, wie zum Beispiel "ein griechischer Dichter". Jens Dobler weist auf die Probleme
der Schreibweisen hin, da insbesondere die Transkriptionen von Namen aus dem Kyrillischen, Japanischen
und Arabischen unterschiedlich ausfallen, sei es auf Grund fehlerhafter Übertragungen, sei es auf Grund
uneinheitlicher Transkriptionsregeln. Soweit möglich hat Dobler Korrekturen vorgenommen; er verweist
ausdrücklich auf die Notwendigkeit, auch bei ähnlich lautenden Namen im Register nachzuschauen.
Die Veröffentlichung wird eingeleitet durch zwei Artikel: von Marita Keilson-Lauritz "Zur 'inneren'
Geschichte des Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen" und von Mark Lehmstedt "Zur Editionsgeschichte des
Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen". Marita Keilson-Lauritz zeichnet in ihrer Darstellung, eine
Überarbeitung des entsprechenden Abschnitts aus ihrer Geschichte der eigenen Geschichte (Berlin 1997),
die enge Verbindung der Entwicklung des Jahrbuchs mit der Geschichte des WhKs nach. Der Verein bildete
die organisatorische und finanzielle Basis für die Herausgabe des Jahrbuchs. Die "inneren" und "äußeren"
Krisen, die das WhK durchlebte, beeinflussten auch das Jahrbuch selbst. Zu den "inneren" Krisen der
Organisation gehörten neben den finanziellen Problemen auch "das Ringen" der Aktivisten um das Programm
(Kontroverse darüber, ob der Mensch von seinen Erbanlagen her bisexuell sei) und die Organisationsform des
WhKs. Diese Querelen führten zu internen Machtkämpfen zwischen einem gemäßigten und einem radikalen Flügel
(1906 spaltete sich eine Gruppe um Benedict Friedlaender ab). In der "inneren" Krise und dem Tod des Verlegers
Max Spohr sieht Keilson-Lauritz begründet, dass das Jahrbuch 1907 nicht erschien und nach 1908 nicht mehr
als Jahresband veröffentlich wurde. Parallel zur "inneren" Krise entwickelte sich eine "äußere": der so
genannte Eulenburg-Skandal. Die öffentlichen Prozesse und Skandalberichte über die Günstlinge im Umkreis
von Kaiser Wilhelm II. führten zu einer Homosexuellen-Hetze. Hirschfelds Rolle als Zeuge und Gutachter in
diesen Prozessen bewirkte eine weitere Verunsicherung der Mitglieder des WhK, mit der Folge, dass zahlreiche
von ihnen die Organisation verließen und das WhK in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Keilson-Lauritz
gliedert die Geschichte des Jahrbuchs in vier zeitliche Abschnitte: das Gründungsjahr (1899), die
"Blütezeit des Jahrbuchs" (1900-1908), "Vor, nach und während der Kriegszeit" und schließlich "Jubiläen
und Ende des Jahrbuchs". Mit dieser Unterteilung lässt sich die Entwicklung des Jahrbuchs gut
nachvollziehen. Unklar ist die Einteilung bzgl. des Einschnitts 1908 (Ende der Blütezeit), denn im Text
selbst nennt Keilson-Lauritz 1906/07, die Jahre nach dem Tod des Verlegers Max Spohr, mit der Abspaltung
vom WhK und dem Beginn der Eulenburg-Affäre als zentrale Zäsur. Den Abschluss bildet eine umfangreiche
Bibliographie zum Jahrbuch.
Mark Lehmstedts Artikel, ein Wiederabdruck aus seiner Publikation Bücher für das "dritte" Geschlecht
(Wiesbaden 2002) behandelt die Editionsgeschichte des Jahrbuchs. Lehmstedt zeichnet einerseits im Groben
die Entwicklung von der ersten Idee zu dieser Publikation (1897) bis zu ihrem letzten Band (1923) nach.
Interessant sind die zahlreichen Details, die nicht nur einen Blick auf die verlegerische Seite der
Publikation werfen, sondern zugleich Einblicke in die Vereinsstrukturen bieten und die Rolle der beteiligten
Personen näher beleuchten. So hatte die eigentliche Idee zu der Publikation nicht Hirschfeld selbst, wie
er später gern behauptete, sondern der Verleger Max Spohr. Hirschfeld habe lediglich einzelne Akzente
verschoben, so dass die zunächst als breites Informationsorgan für Homosexuelle angelegte Publikation
schließlich ihren Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Erforschung der Homosexualität verlagerte.
Interessant sind auch Lehmstedts Informationen über die Auflagenhöhe und die Bezieher des Jahrbuchs.
Ein Großteil der anfänglich 2.000 und ab 1908 noch 1.000 gedruckten Exemplare ging neben den Mitgliedern
des WhKs vor allem an "hervorragende[n] und einflussreiche[n] Persönlichkeiten" zu "Propaganda- und
Rezensionszwecken" (S. 36). Für das Jahr 1905 ermittelt Lehmstedt einen Verkauf von etwa 80 Exemplaren
im Buchhandel. So war dem Jahrbuch von Anfang an kein finanzieller Erfolg beschieden. Das lag an den
steigenden Kosten, bedingt durch den stetig wachsenden Umfang; so umfasste das erste Jahrbuch 280 Seiten,
doch vier Jahre später (1903) waren es bereits 1.368 Seiten. Die Finanzierungsprobleme der Jahrbücher
nahm die Gruppe um Benedict Friedlaender (die sich später vom WhK abspaltete) zum Anlass, gegen Hirschfeld
den Vorwurf der Bereicherung zu erheben. Lehmstedt beschreibt detailliert, wie sich dieser Konflikt in der
Öffentlichkeit des Vereins ausweitete, schließlich auch die Verleger Max und Ferdinand Spohr erfasste.
Die Folge dieser internen Auseinandersetzungen war, dass das neunte Jahrbuch (1908) vom WhK selbst
hergestellt wurde. Doch bereits zwei Jahre später kam ein Angebot von Ferdinand Spohr dem WhK gelegen,
das Jahrbuch wieder im Spohr-Verlag zu publizieren, denn wegen finanzieller Engpässe der Organisation
drohte dem Jahrbuch-Projekt das Aus.
Der vorliegende Band bietet dem interessierten Leser einen knappen Einblick in die Geschichte des
Jahrbuchs und stellt die bei der Herausgabe mitwirkenden Personen vor. Für HistorikerInnen ist
die Publikation ein unentbehrliches Hilfsmittel für ihre Forschungen zu unterschiedlichsten Aspekten
der Sexualwissenschaft und über die noch junge Emanzipationsbewegung der Homosexuellen im Kaiserreich
und in den ersten Jahren der Weimarer Republik; es ist zu wünschen, dass der vorliegende Registerband
zu weiterer Forschungsarbeit anregt.
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