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Dirk Naguschewski / Sabine Schrader (Hg.):
Sehen Lesen Begehren.
Homosexualität in französischer Literatur und Kultur,
Berlin: edition tranvia, Verlag Walter Frey 2001, 280 S., € 21,50


Rezension von Sabine Puhlfürst, München

Erschienen in Invertito 4 (2002)

Während sich hierzulande längst eine literaturwissenschaftliche Forschung zur Homosexualität etabliert hat, hinkt Frankreich doch um einiges hinterher. Zwar existiert seit 2001 mit dem von der Societé des Amis d' Axieros herausgegebenen Jahrbuch Inverses ein Publikationsorgan,[1] das die Themenbereiche Literatur, Geschichte und Kunst berücksichtigt, aber ansonsten gibt es keine weiteren regelmäßig erscheinenden wissenschaftlichen Periodika, die literaturwissenschaftliche Fragestellungen verhandeln. Vielmehr stammen die interessantesten Ansätze zu einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas Homosexualität und Literatur in Frankreich aus dem angelsächsischen Raum. Auch in der BRD beschränkte sich die Forschung zu Frankreich auf die Beschäftigung mit einzelnen AutorInnen bzw. Werken. Insofern schließen Dirk Naguschewski und Sabine Schrader mit dem von ihnen herausgegebenen Sammelband eine Lücke innerhalb der Literaturwissenschaft. In zwölf Aufsätzen werden mit Hilfe der traditionellen literaturwissenschaftlichen Methoden als auch unter Rückgriff auf eine kulturkritische Diskursanalyse ganz unterschiedliche Aspekte der Homosexualität in der französischen Literatur und Kultur analysiert, und interessierten LeserInnen wird somit ein vielschichtiges Bild unseres Nachbarlandes vermittelt.
In ihrer Einleitung geben die HerausgeberInnen einen aufgrund der Kürze zwar nur abrissartigen, dennoch informativen und hilfreichen Überblick über die Geschichte der Homosexualität in der französischen Literatur; dieser bildet einen guten Einstieg in die Lektüre der verschiedenen Aufsätze. Eine dreiseitige Auswahlbibliographie mit wesentlichen Standardwerken rundet die Einleitung ab.
Die ersten drei Beiträge schlagen einen historischen Bogen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. So beschäftigt sich Sabine Schrader in ihrem Aufsatz "Nonnen, Könige und Voyeure" mit Entwürfen lesbischer Sexualität im 18. Jahrhundert und entlarvt die überwiegend pornographische und damit negative Darstellung lesbischer Sexualität als systematische Methode des bürgerlichen Staates, die in seinen Augen dekadente Aristokratie propagandistisch geschickt zu diffamieren. Die Darstellung von Androgynie und Hermaphroditismus in der Dekadenzliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts analysiert Annette Runte in ihrem Beitrag, während Andrea Oberhuber die surrealistische Künstlerin Claude Cahun vorstellt, die im Frankreich der 1920er und 1930er Jahre zur künstlerischen Avantgarde zählte und sich sowohl in ihren Texten als auch in ihren Photographien weder an Gattungs- noch an Geschlechtsnormen hielt. In drei weiteren, unter dem Stichwort "Queer lesen" zusammengefassten Beiträgen beschäftigen sich Volker Woltersdorff, Dorothee Risse und Ralph Poole mit Marcel Proust, François Mauriac und Michel Tournier. So stellt Woltersdorff die These auf, dass Prousts emanzipative Leistung hauptsächlich in der Homosexualisierung der modernen Erzählliteratur besteht, indem er ihr eine "queer sensibility" einschreibt. Die homoerotischen Aspekte in den Romanen des Nobelpreisträgers François Mauriac wurden bislang von der Forschung diskret übersehen, vielleicht weil Homosexualität bei Mauriac nicht explizit thematisiert wird, sich aber durchaus im begehrenden Blick aufspüren lässt. Mit Hilfe philologischer Hermeneutik bietet Dorothee Risse dem Leser eine neue Interpretation von Mauriacs Romanen an. Ralph Poole schließlich überträgt in seinem Beitrag "Michel Tourniers Analyse von Daniel Defoes 'Robinson Crusoe'" die Analyseverfahren US-amerikanischer "queer-" und "post-colonial studies" auf die Romane Tourniers. Lesbisches Begehren und dessen Textualisierung bei Violette Leduc, Nicole Brossart und Hélène Cixous werden in den Beiträgen von Catherine Violett, Esther von der Osten und Susanne Dürr kritisch und mit ganz unterschiedlichen Forschungsansätzen gelesen.
Den Sammelband runden drei Beiträge zur zeitgenössischen Entwicklung des homosexuellen männlichen Lebens ab. Um die Spaßkultur geht es in Birthe Kählers Aufsatz "Pierre et Gilles' schöne schwule Welt". Claude Foucart stellt in "Le sida et la mort: A fleur de peau" fest, dass das Feiern des schwulen Körpers im Aidszeitalter schwierig geworden ist. Als zentrale Figur einer sich aber erst noch konstituierenden schwulen Literatur in Frankreich stellt Dirk Naguschewski Guillaume Dustan vor, der 1996 mit dem Roman Dans ma chambre sein literarisches Debüt gab und seitdem als - literarisches - Sprachrohr einer neuen Generation französischer Schwuler gilt.
Sehen Lesen Begehren zeigt viele Facetten der männlichen und weiblichen Homosexualität in der französischen Kunst und Literatur auf; positiv ist auch die Parität der Beiträge zu schwul-lesbischen Themen zu vermerken, was nicht selbstverständlich ist, denn oft genug verbirgt sich ja hinter dem Begriff Homosexualität überwiegend die Behandlung schwuler Themen.

[1] Inverses. Littératures, Arts, Homosexualité, 1 (2001). Paris. Societé des Amis d' Axieros.