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Ulf Heidel / Stefan Micheler / Elisabeth Tuider (Hg.):
Jenseits der Geschlechtergrenzen:
Sexualitäten, Identitäten und Körper in Perspektiven von Queer Studies,
Hamburg: MännerschwarmSkript Verlag 2001, 430 S., 19


Rezension von Norbert Finzsch, Köln

Erschienen in Invertito 4 (2002)

Sammelbände stellen die ultimative Herausforderung für Rezensenten dar, gleichgültig wie gut sie sind. Durch die Kombination verschiedener Fragestellungen, Fachdisziplinen, Methodiken und Quellengattungen entsteht jenes wissenschaftliche Moiré, das die Rezension schwierig, die Lektüre aber äußerst vergnüglich machen kann. Die HerausgeberInnen haben dieser "fröhlichen Wissenschaft" denn auch insofern Rechnung getragen, als sie eine Einführung in Band und Forschungsfeld geschrieben haben, die exemplarisch ist, weil sie ohne Jargon, aber mit wissenschaftlichem Tiefgang der SpezialistIn wie der NovizIn nahe bringt, was Queer Studies zu Beginn des 21. Jahrhunderts in so diversen Disziplinen wie Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften bedeutet. Auch der vorliegende Band hat notwendigerweise seine blinden Flecken. So weisen die HerausgeberInnen darauf hin, dass Beiträge zur Bisexualität oder zum Zusammenhang von Antisemitismus und Homophobie fehlen. Immerhin sind sie sich dieses Mankos bewusst und sind in der Lage, es zu benennen.
Andreas Niederhäuser eröffnet den bunten Reigen der behandelten Themen mit einem Beitrag zur gleichgeschlechtlichen männlichen Sexualität im Spätmittelalter, die er anhand von Gerichtsakten untersucht. Zu Recht weist er darauf hin, dass es sich bei den inkriminierten Männern nicht um "Homosexuelle" handelte. In seiner Analyse der Prozessakten verschiedener wegen "Sodomie" verurteilter Angeklagter wird deutlich, dass es nicht nur die unterstellte sexuelle Devianz war, die diese Männer vor Gericht und auf den Scheiterhaufen brachte, sondern auch, wie diese Einzelschicksale in die Mikrophysiken der Macht und die großen machtpolitischen Kontexte ihrer Zeit eingeordnet werden müssen.
Annegret Friedrich wendet sich in ihrer Untersuchung der Ikonographie von Frauenfreundschaften im 18. Jahrhundert der Beziehung von Lady Elizabeth Foster (und späteren Duchess of Devonshire) und Georgiana, Fifth Duchess of Devonshire, zu. Die Beziehung der beiden Frauen, in die auch der Ehemann Georgianas eingebunden war, hat HistorikerInnen schon seit Jahrzehnten fasziniert und hat in den letzten 20 Jahren zur Abfassung von mehreren Büchern geführt, die sich dieser skandalumwitterten Beziehung widmen. Friedrich rezipiert die umfangreiche Forschung zur Freundschaft der beiden adligen Damen mit Ausnahme des Buchs von Foreman nicht, da sie etwas anderes beabsichtigt als einen weiteren Artikel zur Frauenfreundschaft im späten 18. Jahrhundert: Sie widmet sich den zahlreichen bildlichen Darstellungen vor allem Georgianas und stellt sie in den ikonographischen, kunsthistorischen und biographischen Zusammenhang der beiden Frauen und ihrer Zeit, ein durchaus neuer Ansatz, der allerdings in seiner Durchführung etwas enttäuscht, da erst die Zurkenntnisnahme der Sekundärliteratur es ermöglicht hätte, viele der im Artikel offen bleibenden Fragen zu beantworten. Immerhin vermag es Friedrich, in einem beherzten Zugriff auf die Arbeiten Adrienne Richs und Caroll Smith-Rosenbergs den Ansatz zu einer Ikonographie der Frauenfreundschaft zu entwickeln.
Raimund Wolfert analysiert mit Mauritz Stillers Vingarne den ersten "Schwulenfilm" der Welt. Der Verfasser weiß alles über Mauritz Stiller was es zu wissen gibt, und er spricht viele Aspekte des Lebens und des Werks dieses weitgehend unbekannten Regisseurs an, ohne - gemessen am Anspruch des Bandes - eine queere Geschichte zu schreiben. Fragen nach der Genese eines Films, die den Autor in den Mittelpunkt stellen, lassen sich nur schwer mit den poststrukturalistischen Wurzeln der Queer Theory in Einklang bringen. Anstatt zu fragen, warum der Regisseur eine aus Sicht Wolferts "störende" Rahmenhandlung um seinen Film herum angelegt hat, wäre eine Interpretation nötig gewesen, die das subversive Potenzial des Films mit seinen Zitaten, Parodien und Wiederholungen offen gelegt und vielleicht in der Dekonstruktion der vornehmlichen "Verschleierung" eine Form der queeren Neueinschreibung entdeckt hätte.
Dem hohen Anspruch des vorliegenden Buches hingegen wird Claudia Bruns voll gerecht. Ihre Untersuchung der Strategien hegemonialer Männlichkeit im Diskurs deutscher Maskulinisten zwischen 1880 und 1920 ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Synthese von Theorie und forschender Praxis. Bruns wählt für ihre Untersuchung drei "Fallbeispiele", nämlich Gustav Jaeger, Benedict Friedlaender und Hans Blüher. Besonders gelungen scheint mir in diesem Beitrag der Nachweis, dass in der Konstruktion der "Männlichkeit" bei Jaeger, Friedlaender und besonders bei Blüher Weiblichkeit als das konstitutiv Andere nicht nur als Gegenfolie dient, sondern durch Konstruktion einer Supervirilität bei Jaeger, durch ihre Negation bei Friedlaender und durch Integration in die Männlichkeit bei Blüher aus dem Diskurs verbannt wird.
Jonathan D. Katz, kein Unbekannter im Feld der queeren Kunstgeschichte, wendet sich der Frage zu, wie Künstler wie John Cage und Robert Rauschenberg mit einer Strategie der Stille die Homophobie der Fünfziger Jahre als eine Form des Widerstands gegen homophobe Unterdrückung einsetzen konnten. An diesem Beitrag besticht neben seiner theoretischen Durcharbeitung und Tiefe, dass es Katz jederzeit gelingt, die besprochenen Werke in den Kontext der zeitgenössischen Malerei und Musik zu stellen. Katz kann zudem zeigen, dass Rauschenberg und Cage Poststrukturalisten avant la lettre waren, indem sie die Stille des Autors als die logische Konsequenz des Todes des Autors explizit formuliert haben.
Stefan Micheler und Jakob Michelsen zeichnen in ihrem programmatischen Beitrag die Entwicklung der Queer Theory von den Anfängen einer "schwulen Ahnengalerie" zur theoriegeleiteten emanzipatorischen Methodenlehre unter dem Einfluss der poststrukturalistischen "Schule", wobei ich nicht so weit gehen würde wie Micheler/Michelsen, die von einer "Dekonstruktion" der Kategorie "Geschlecht" sprechen (139), denn Dekonstruktion ist eine Technik der Interpretation, die sich in der Regel auf einen oder mehrere Texte bezieht. Den Autoren ist aber in ihrer Bewertung der Genealogie queerer Theorie in allen Belangen zuzustimmen: Eine Auseinandersetzung findet bis auf wenige Ausnahmen im deutschen Sprachraum nicht statt, eine Anwendung in der forschenden Praxis wird sich nur langsam umsetzen, auch eine Folge der Versäumnisse innerhalb der deutschen Universität, die es vermieden hat, die vielfältigen Anregungen der Queer Theory aufzugreifen und für die eigene Forschungspraxis nutzbar zu machen. Insofern stellt der Aufsatz von Stefan Micheler und Jakob Michelsen so etwas wie eine zweite, subversive Einleitung des ganzen Bandes dar.
Helene Götschel beleuchtet in ihrem Beitrag die Rolle von Lesben in der Naturwissenschaftlerinnen- und Technikerinnenbewegung der BRD, eine Art "Mikrogeschichte der Gegenwart", denn der Geschichtszeitraum der Darstellung setzt 1977 ein, und es geht in dem Aufsatz vor allem um die Identitätspolitiken lesbischer Frauen in so genannten Männerberufen. In meinen Augen ist dieser Text im vorliegenden Band fehl am Platze, denn er referiert in drögem Ton die Treffen verschiedener Arbeitsgruppen und Komitees und liest sich wie ein Abschlussbericht an die Deutsche Forschungsgemeinschaft, aber nicht wie ein Beitrag in einem aufregenden Sammelband.
Lüder Tietz auf der anderen Seite wendet sich einem heiß debattierten und sehr umstrittenen Thema zu, den "Berdaches", wie sie nicht korrekt in der älteren Forschung genannt wurden, oder den "two-spirited-people", als die sie - nicht viel korrekter - in der jüngeren Forschung auftauchen. Tietz geht ausgesprochen sensibel mit der facettenreichen Formvielfalt der "Two-Spirits" oder alternativen Genera um. Alternative Genera sind denn eher als Überbleibsel aus einer Zeit zu sehen, die jenseits der Zuweisung oder Identifikation als "schwul" oder "lesbisch" liegt. Insofern ist ein Zugriff auf alternative Genera in der Vergangenheit kaum möglich, doch hat sich in der Auseinandersetzung mit kontemporären Mitgliedern der Gemeinschaft der "Two-Spirits" eine reichhaltige Feldforschung entwickelt, zu der auch der Verfasser beigetragen hat, wie er sehr eingängig am Beispiel des Nádleeh Wesley Thomas zeigen kann.
Kirsten Hohn fasst ebenfalls ein heißes Eisen an, denn sie analysiert die Bedeutung von Normen bei der Konstruktion lesbischer kollektiver Identitäten. Identitätspolitiken waren und sind Teil eines Normierungsdiskurses, der durchaus auch bei ausgegrenzten und diskriminierten Minoritäten stattfinden kann. Hohn wendet sich dem schwierigen Thema der lesbischen Identitätspolitiken mithilfe von Interviews mit Frauen zu, die u.a. über ihr Coming-out berichten. Die den Zusammenhalt der als alteritär ausgegrenzten Gemeinschaft garantierenden normativen Regulative funktionieren - ähnlich wie in der dominanten Gesellschaft - diskursiv vermittelt und verleihen über den Diskurs der lesbischen Identität den Mitgliedern der Community die Definitionsmacht und damit die Möglichkeit der Inklusion oder Exklusion.
Regina Brunnett und Finn Jagow thematisieren in ihrem Aufsatz Macht und Homosexualitäten im Zeitalter von AIDS. Wenn es eine queere Geschichte der Kategorie "Politik" gibt, so finden sich in diesem Beitrag dazu gewichtige Ansätze. Nicht nur gelingt es den beiden AutorInnen, komplexe theoretische Ansätze der Normalisierungstheorie allgemein verständlich darzulegen, es wird auch gezeigt, dass die scheinbare "Liberalisierung" oder die "neue Beliebigkeit" nichts anderes darstellt als eine "flexibel normalistische Normalisierung" (Link), die sich, wie der kulturelle Rassismus der Neunziger Jahre, an neue Gegebenheiten anschmiegt und so die Weiterexistenz patriarchaler und kapitalistischer Strukturen sichert.
Etliche Beiträge des vorliegenden Bandes ließen mich (auch) ratlos zurück. Ratlos war ich z.B. beim Beitrag von Marion Herz über die Möglichkeit queerer Pornographie, da sie sich der wissenschaftlichen Konvention, zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen, was vorher von anderen ForscherInnen zum Thema gesagt worden ist, (absichtsvoll) verweigert und stattdessen einen Gedanken verfolgt, der zwar neu, aber nicht interessant ist. Eine wirklich an der Politisierung der Pornographie interessierte Debatte müsste stärker auf die materiellen Produktionsbedingungen von Pornographie eingehen, anstatt so zu tun, als ob Pornographie lediglich ein Problem der Normierungsstrategien der RezipientInnen darstelle.
Gunter Schmidt überrascht durch seinen, im angenehmen parlando vorgetragenen Beitrag, der aber mehr verheißt, als er einlösen kann: Die zentrale These Schmidts, der Zwang zur monosexuellen Festlegung habe im Verlaufe der letzten 200 Jahre (überall? Im Westen? In Deutschland?) ständig zugenommen, ist keineswegs neu, bisher nicht "bewiesen" und letztlich auch nicht beweisbar, weil sich die Begrifflichkeit dieses Beweises im Laufe des invozierten Zeitraums ständig verändert hat. Bettina Bock von Wülfingen versteigt sich in ihrer Arbeit über den Paradigmenwechsel in der Repromedizin gar zu der kühnen Behauptung, in Lea Morriens Bantu die "einzig politisch korrekte, revolutionäre und gegen das Patriarchat gerichtete Fortpflanzungsform für Lesben" identifiziert zu haben. Gut, dass mal jemand sagt, was richtig/wahr ist!
Diesen wenig eingängigen Beiträgen stehen auf der anderen Seite großartige Aufsätze gegenüber, die die hohen Standards des Sammelbandes einlösen. Zu ihnen gehört die Untersuchung Elisabeth Tuiders über eine sexualpädagogische Jungen- und Mädchenarbeit, die nicht in die Falle heterosexistischer Zwangsmatrizes gehen will. Diese neue queere Sexualpädagogik ist zunächst nur eine Möglichkeit am Horizont des Denkens, wenn auch eine konkrete.
Ebenfalls wegweisend ist der Beitrag von Heiko Stoff über Vermännlichung, Verweiblichung und Verjüngung, der eine stark geraffte Zusammenfassung von Teilen seiner Dissertation darstellt. Stoff verwendet in seiner Abhandlung die Konzepte einer produktivistischen und konsumistischen Geschlechterkonstruktion, die mit ökonomischen Modellen korrelieren, die in der gesamten Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts zirkulierten. Dieser Beitrag ist, ähnlich dem ihm folgenden von Ulf Heidel, theoretisch innovativ, materialgesättigt und sprachlich ansprechend geschrieben, wobei sich Heidel, in einem ähnlichen methodischen Zusammenhang wie zuvor schon Bruns, der Entstehung der "Konträrsexualität" im 19. Jahrhundert zuwendet. Man könnte Heidels überzeugenden Aufsatz vor dem von Bruns lesen und erhielte so eine fast lückenloses Narrativ der sexuellen Alterität und seiner Theoretiker im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Geradezu aufregend ist es, was Maren Möhring, Petra Sabisch und Doro Wiese in ihren "Szenarien zur Textur des Körpers" unternehmen. Endlich nehmen deutsche Autorinnen das ernst, was Judith Butler gezeigt hat: die Simultaneität von Sprache und Materie bei der Konstruktion von Körperlichkeit. In der Auseinandersetzung mit Butler, Deleuze/Guattari und Elspeth Probyn loten die Autorinnen die Möglichkeiten alternativer Körperkonzeptionen im Begehren aus. Gerade die Zusammenschau von Butler'scher Dekonstruktion von Materialisierungskonzepten und der Dynamik des Begehrens nach Deleuze/Guattari macht es möglich, durch die Konzeption des "organlosen Körpers" neue Wege der Körper-Praxis zu suchen. Probyns Interpretation des Modells von Deleuze/Guattari sucht indessen die Singularität des Begehrens zu betonen und so die Gefahr der Sexualitäten, die vom Begehren ausgeht, stärker zu machen.
Nicht minder interessant ist der Ansatz Birgit Bauers, die alternative Entwürfe zur Identitätspolitik sucht, wobei sie sich von Donna Haraway und Leslie Feinberg inspirieren lässt. Bauer schlägt in Verlängerung der Argumente von Haraway und Feinberg vor, Identitäten durch Orientierung am Verhalten zu ersetzen, was gleichzeitig eine Erhöhung der politischen Handlungsfähigkeit mit sich bringen kann. Gerade bei diesem Beitrag habe ich mir gewünscht, dass die Autorin etwas mehr Raum beansprucht hätte, um die theoretischen wie praktischen Implikationen ihres Ansatzes auszuführen.
Einen wichtigen Aspekt der gegenwärtigen Theoriediskussion und eine Form der Verlängerung der Diskussion Birgit Bauers adressiert Antke Engel in der Frage nach der queeren Strategie zur Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Inwieweit ist queere Theorie in die neoliberale Marktstrategie einzubauen, inwiefern unterminiert sie diese? Engel zeigt die Gleichzeitigkeit von rigiden Ausschlüssen und flexiblen Normalisierungsstrategien, weshalb Flexibilisierung und Aufweichung der binären Geschlechterordnung noch nicht per se als politischer Erfolg gefeiert werden können. Ihre Antwort liegt demgegenüber in der VerUneindeutigung zur Aufhebung sowohl rigider wie auch flexibler Normierungsdiskurse. Brian Currid geht über diesen Zusammenhang noch hinaus, indem er fragt, was nach queer kommt. Es sei an der Zeit, sich vom queeren Paradigma zu verabschieden, da auch diesem zunehmend Normalisierung eingeschrieben werde. Currid sieht eine politische Ökonomie der Körper im Entstehen, indem die Klassengegensätze der alten Werttheorie durch korporeale Gegensätze ersetzt werden. Dies ist ein bedenkenswerter und radikaler Ansatz, der vollkommen neue Fragen aufwirft. Hier kündigt sich eine Rückkehr zu einem brachliegenden Theoriefeld an, das darauf wartet, von politisierten Post-Queers beackert zu werden.
Insgesamt sind die HerausgeberInnen zu beglückwünschen zu einem gelungenen Band, der mehr Fragen aufwirft, als er beantworten kann.