* zur Übersicht Rezensionen


Robert Aldrich / Garry Wotherspoon (Hg.):
Who's Who in Gay and Lesbian History. From Antiquity to World War II, London/New York: Routledge 2001, 502 S., $ 24,95
Robert Aldrich / Garry Wotherspoon (Hg.):
Who's Who in Contemporary Gay and Lesbian History. From World War II to the Present Day, London/New York: Routledge 2001, 460 S., $ 24,95


Rezension von Herbert Potthoff, Köln

Erschienen in Invertito 3 (2001)

Ein verlässliches biographisches Lexikon zur homosexuellen Geschichte wäre ein wichtiges Hilfsmittel für die historische Forschung und für alle, die an schwul-lesbischer Geschichte interessiert sind. Solch ein Nachschlagewerk gab es bisher nicht. Out. 600 Lesben, Schwule & Bisexuelle (von Karen-Susan Fessel und Axel Schock, 3. Aufl., Berlin 2000) oder Homosexuels et bisexuels célèbres (von Michel Larivière, Paris 1997) haben keinen wissenschaftlichen Anspruch. Homosexuels et bisexuels célèbres behandelt zudem, anders als der Titel vermuten lässt, nur Männer. Die Encyclopedia of Homosexuality (hg. von Wayne R. Dynes, 2 Bände, New York 1990) und Completely Queer. The Gay and Lesbian Encyclopedia (von Steve Hogan und Lee Hudson, New York 1998) enthalten biographische Einträge, in ihnen überwiegen aber Sachartikel; außerdem ist die Encyclopedia of Homosexuality inzwischen zumindest teilweise überholt und schloss lebende Personen aus. Einige wenige Veröffentlichungen genügen zwar wissenschaftlichen Ansprüchen, sind aber nicht als umfassende biographische Lexika konzipiert. Das gilt zum Beispiel für The Gay and Lesbian Literary Heritage (hg. von Claude J. Summers, New York 1995), Frauenliebe, Männerliebe: eine lesbisch-schwule Literaturgeschichte in Porträts (hg. von Alexandra Busch und Dirck Linck, Stuttgart/Weimar 1997) und Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschsprachigen Raum (von Bernd-Ulrich Hergemöller, Hamburg 1998).
Ein zweibändiges Who's Who in (Contemporary) Gay & Lesbian History, herausgegeben von Robert Aldrich und Garry Wotherspoon (beide Universität Sydney), könnte diese Lücke jetzt schließen. Es stellt Schlüsselfiguren (key men and women) in der Geschichte der Homosexualität von der Antike bis zur Gegenwart vor: Männer und Frauen aus Politik, Kultur, Religion und Wissenschaft, schwule Aktivisten und lesbische Aktivistinnen, Pop-Ikonen, Sportler und Sportlerinnen - kurz: alle, die in der homosexuellen Geschichte wichtig waren oder sind. Fast 1000 Seiten bieten 1000 biographische Artikel, jeweils mit knappen, meist zu knappen bibliographischen Belegen, leider auch ohne Abbildungen. Geburts- und Sterbejahre sind angegeben, die entsprechenden Tage nicht, Geburts- und Sterbeorte fehlen oft. Auch Querverweise und Register suchen Nutzerin und Nutzer vergeblich. Vor allem dieser letzte Punkt ist kein rein formaler Mangel, denn zum Kern homosexueller Subkulturen gehören persönliche Beziehungen und Bindungen. Sie sind wichtiger Teil homosexueller Bewusstwerdung und ermöglich(t)en das (Über-)Leben in einer ablehnenden oder feindlichen Umwelt. In einem biographischen Lexikon zur homosexuellen Geschichte müsste man diesen lebenswichtigen Netzwerken nachspüren können.
Kriterium für die Aufnahme in das Lexikon war nicht die sexuelle Orientierung, sondern die Bedeutung für die schwule und lesbische Geschichte. Es mag noch angehen, Sigmund Freud oder Wilhelm Reich, beide bekanntermaßen nicht homosexuell, zu porträtieren. Die wichtigsten Angaben zu ihnen findet man aber auch in jedem besseren Universallexikon. Eine Seite für Anita Bryant, in den USA Vorkämpferin gegen homosexuelle Gleichberechtigung, ist eine Seite zu viel. Gehören Reagan und Thatcher wirklich hierher? Hitler und Himmler sucht man zum Glück vergebens. Aber warum? Sind sie für die homosexuelle Geschichte unwichtiger als Frau Thatcher? Warum finden mythologische Figuren wie Achilles oder Ganymed Aufnahme, warum Gestalten der Bibel wie Jesus, David, Paulus oder Ruth und Naomi? Statt Anselm von Canterbury oder Thomas von Aquin, die beide gleichgeschlechtliche Handlungen als widernatürlich und sündig verdammten, wären besser homosexuelle Frauen und Männer aus der langen Liste der nicht Berücksichtigten abgehandelt worden. Die Herausgeber machen es sich zu leicht, wenn sie mögliche Einwände gegen ihre Auswahl von vornherein mit dem Hinweis zu entkräften versuchen, dass es bei der Lektüre eines Lexikons gerade auch reizt, Fehlendes und Fehler zu suchen.
Geographisch bzw. kulturell beschränkt sich die Auswahl, von Ausnahmen wie Hafis oder Yukio Mishima abgesehen, auf die "westliche Welt", also Europa, Nord- und Südamerika, Südafrika sowie Australien und Neuseeland. Die Herausgeber begründen das damit, dass Begriffe wie homosexuell, lesbisch oder schwul eine jeweils spezifische kulturelle Bedeutung haben. Selbst innerhalb der westlichen Welt gibt und gab es sehr unterschiedliche Konzepte von Homosexualität. Die vollkommen andere Art der Konstruktion von Sexualität außerhalb unseres Kulturkreises verbietet deshalb die Einbeziehung von Personen aus nicht-westlichen Gesellschaften. Diese Argumente sind nicht zu widerlegen. Die Frage, ob sie nicht auch männerliebende Männer des Mittelalters oder frauenliebende Frauen der Antike ausschließen müssten, hätte dann aber zumindest diskutiert bzw. problematisiert werden sollen.
Geschlechterparität halten die Herausgeber für nicht erreichbar, da die Geschichte homosexueller Männer besser erforscht ist und im öffentlichen Leben westlicher Gesellschaften Männer noch immer dominieren. Das trifft zu und kann vielleicht erklären, warum im ersten Band (bis 1945) nur etwa 20 Prozent der Einträge Frauen betreffen. Aber auch im zweiten Band (nach 1945) ist der Frauenanteil nicht größer, als ob sich seitdem nichts geändert hätte. Die Aufforderung, die Geschichte lesbischer Frauen besser zu erforschen, kann diesen Mangel nicht ausgleichen.
Um Fehler bisher in den USA oder Großbritannien erschienener biographischer Nachschlagewerke zu vermeiden, versprechen die Herausgeber, den Blick über den englischsprachigen Raum hinauszulenken. Es sollten so viele Nicht-Amerikaner/Amerikanerinnen bzw. Nicht-Briten/Britinnen aufgenommen werden wie möglich, selbst wenn das den kommerziellen Erfolg des Werks beeinträchtigen sollte. Dieses Versprechen wird leider nicht eingehalten. Tatsächlich behandeln mehr als 50 Prozent der Einträge Personen, die aus dem englischen Sprachbereich (einschließlich Kanada, Südafrika, Australien, Neuseeland) stammen. Einige Vergleichszahlen: Einträge zu Frankreich 10 Prozent; zum spanischen und portugiesischen Sprachraum einschließlich Süd- und Mittelamerika knapp 8 Prozent; zu Italien und den skandinavischen Ländern je 7 Prozent; zu osteuropäischen Staaten 4 Prozent; zu den Niederlanden 2,5 Prozent; zu Belgien schließlich ein Eintrag, d. h. 0,1 Prozent. Aus dem deutschsprachigen Raum werden 72 Personen (entspricht etwa 7 Prozent) berücksichtigt, darunter sechs aus Österreich und fünf aus der Schweiz. Verwunderlich ist dieses Ergebnis nicht, wenn man sich die Liste der Verfasser ansieht: Sie stammen überwiegend aus den USA, Großbritannien und Australien, aus Deutschland kommen drei Autoren: Jens Damm (Artikel Ferdinand Karsch-Haack), Jörg Heinke (Artikel zum australischen Autor David Malouf) und Gerald Pilz (Artikel zu Gustav Gründgens, Hans Henny Jahnn, Friedrich Nietzsche, Otto Weininger). Bei Marita Keilson-Lauritz (Artikel zu Stefan George, Hans Dietrich Hellbach und dem niederländischen Autor James S. Holmes) und Lutz van Dijk (Artikel zu dem niederländischen Maler Willem Arondeus) sind die Niederlande als Herkunftsland angegeben. Wenn man die fünf deutschsprachigen Verfasser/Verfasserinnen zusammennimmt, stammen insgesamt nur zehn Artikel von ihnen. Nun ist die Herkunft eines Autors oder einer Autorin noch kein Merkmal für die Qualität eines Textes. Die Artikel der Amerikanerin Sarah Colvin zu Frauen wie Hannah Höch, Erika Mann, Ulrike Ottinger, Christa Reinig, Christa Winsloe und anderen sind durchweg informativ und sachlich zutreffend. Harry Oosterhuis und Hubert Kennedy z.B. sind als Fachleute für homosexuelle deutsche Geschichte ausgewiesen, was auch in ihren Texten sichtbar wird. Es geht auch weniger um inhaltliche Mängel einzelner Artikel. Vielmehr befremdet, dass der Rat deutscher Fachleute offensichtlich zu wenig gefragt war. Das zeigt sich vor allem bei der Auswahl der aufgenommenen Personen: Die Kriterien dafür sind nicht nachzuvollziehen und vor allem im zweiten Band sind deutschsprachige Lesben und Schwule unterrepräsentiert. Es fällt leicht, zwei Dutzend Namen zu nennen, die entweder eine gewisse internationale Bekanntheit haben oder in der lesbisch-schwulen Geschichte des deutschsprachigen Raums eine herausragende Rolle spielen/gespielt haben. Es fehlen z.B. aus dem weiten Feld der Politik bzw. der Homosexuellenbewegung Anita Augspurg, Volker Beck, Manfred Bruns, Lida Gustava Heymann, Ilse Kokula, Michael Kühnen, Charlotte von Mahlsdorf, Andreas Meyer-Hanno, Jutta Oesterle-Schwerin, Friedrich Radszuweit, Christina Schenk usw. Diese Auflistung ist keinesfalls vollständig, sie ist subjektiv und bedarf der Diskussion. Eine ähnliche, umfangreichere Liste könnte ohne Mühe für den Bereich der Kultur oder der Wissenschaft aufgestellt werden. Wie bereits erwähnt, sind sich die Herausgeber der Schwierigkeiten, eine zufrieden stellende Auswahl zu treffen, durchaus bewusst. Aber wenn man/frau die Maßstäbe anlegt, die im Gesamtwerk offensichtlich für die Auswahl gelten, dann hätte zumindest ein Teil der hier Aufgezählten durch einen Artikel gewürdigt werden müssen.
Neben dem Grundsätzlichen gibt es manches im Detail zu kritisieren (ich beschränke mich hier auf Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum). Der Artikel Hans Dietrich Hellbach gehört in den ersten Band, ebenso wohl der Artikel Marlene Dietrich. Die meisten Filme Rosa von Praunheims werden nur mit englischem Titel aufgeführt; seine autobiographischen Schriften werden nicht einmal erwähnt. Rainer Werner Fassbinder wird nur als Filmregisseur vorgestellt, seine Theaterarbeiten werden verschwiegen, an Literatur wird nur auf englischsprachige Publikationen verwiesen. Bei Wolfgang Popp fehlt ein Hinweis auf seine Veröffentlichungen zu Hans Henny Jahnn; der findet sich allerdings im Artikel Jahnn. Das von Wolfgang Popp mitherausgegebene lexikon homosexuelle belletristik wird als Buchreihe und nicht als Loseblatt-Sammlung vorgestellt. Zu Hans Henny Jahnn gibt es keine biographischen Literaturhinweise. Warum Alice Schwarzer mit einem Beitrag bedacht wird, ist dem Text nicht zu entnehmen. Auch diese Übersicht ließe sich ohne Mühe verlängern.
Die Frage, ob Who's Who in (Contemporary) Gay & Lesbian History das erwünschte biographische Nachschlagewerk ist, ist folglich nicht leicht zu beantworten. Für den englischsprachigen Raum wird es, da es zurzeit auf dem Markt nichts Vergleichbares gibt, diese Funktion in der nächsten Zeit erfüllen. Die USA und Großbritannien sind ausreichend vertreten, die Artikel hierzu von einheimischen Fachleuten verfasst. Soweit stichprobenartige Vergleiche mit anderen Nachschlagewerken ein Urteil erlauben, bieten die Texte die versprochenen Grundinformationen. Darüber hinaus finden sich zahlreiche Artikel zu lesbischen Frauen und schwulen Männern, über die bisher in deutsch- oder englischsprachigen Nachschlagewerken wenig zu erfahren war (das gilt zum Beispiel für homosexuelle Männer und Frauen aus Skandinavien, Frankreich, Italien sowie dem spanisch- und portugiesischsprachigen Raum). Wie repräsentativ die Auswahl und wie zuverlässig der Inhalt ist, kann ich nicht beurteilen. Wenn man/frau die Darstellung der Personen aus dem deutschen Sprachraum als Maßstab nimmt, bleibt Skepsis angebracht. Wer sich über homosexuelle Männer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz informieren will, greift auch in Zukunft besser zu den im ersten Absatz aufgezählten Publikationen. Die Auswahl von lesbischen Frauen aus dem deutschsprachigen Raum ist zwar wenig zufrieden stellend, die meisten Artikel liefern aber brauchbare Informationen und mehr, als in anderen lesbisch-schwulen Nachschlagewerken zu finden ist. Als Fazit ist zu sagen: Ein Who's Who in (Contemporary) Gay & Lesbian History zu publizieren, war überfällig, die Realisierung überzeugt aber nur teilweise.