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Ursula Ferdinand / Andreas Pretzel / Andreas Seeck (Hg.):
Verqueere Wissenschaft?
Zum Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Gegenwart, Münster: LIT Verlag 1998, 394 S., 49,80


Rezension von Stefan Micheler, Hamburg

Erschienen in Invertito 1 (1999)

Im Sommer 1997 führte die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft zusammen mit den "Queerstudien" am Seminar für Kulturwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität eine Arbeitstagung unter dem Titel "Verqueere Wissenschaft?" durch. Die Tagung widmete sich aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees dem "umstrittene[n] Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreform in Geschichte und Gegenwart" (Vorwort, S. 9), wobei das Emanzipationsmotto des WhK – "Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit" – auf den Prüfstand gestellt wurde. Geplant war, sowohl Blicke von VertreterInnen der (Emanzipations-)Bewegungen auf Sexualwissenschaft und SexualwissenschaftlerInnen als auch Blicke der Wissenschaft auf die (Emanzipations-)Bewegungen zu werfen. Wobei es aber vor allen Dingen WissenschaftlerInnen waren, die sich zu Wort meldeten, von denen aber viele selber auch als BewegungsaktivistInnen zu bezeichnen sind.
Der Tagungsband liegt nun mit 33 sehr unterschiedlichen Beiträgen vor, die die Vielfalt und den Stand der (Homo-)Sexualitätsforschung im deutschsprachigen Raum in verschiedenen Disziplinen – hinsichtlich der Forschungsgegenstände, der Forschungsfragen und Methoden widerspiegeln. Allein schon deswegen lässt sich die Zusammenstellung der Artikel als gelungen bezeichnen. Viele Beiträge sind Zusammenfassungen bereits publizierter Texte, andere sind Werkstattberichte von neuen Forschungsarbeiten. Ansprechend ist, dass die meisten Beiträge – auch die theoretischen – um eine allgemeinverständliche Sprache bemüht sind. Die Aufsätze betrachten sexuelle Identitätsmodelle und ihre Konstruktion; das Verhältnis von Sexualwissenschaft und Politik; Untersuchungen der frühen Sexualwissenschaft; Literatur, die gleichgeschlechtliches Begehren thematisiert; den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität; die Verfolgungsgeschichte sowie die Geschichte und Gegenwart der Schwulen- und Lesbenbewegung.
Der Sammelband zeigt, dass die Inhalte, Theorien und Methoden der anglo-amerikanischen und niederländischen Forschung mit fast 20 Jahren Verspätung auch im deutschen Sprachraum angekommen sind. Sabine Hark liefert in ihrem Einleitungsbeitrag Umstrittene Wissensterritorien. Feminismus und Queer Theorie – Reflexivität als Programm, einen guten Überblick über Wandel und Stand der "Homo-Forschung". Darüber hinaus fassen insbesondere die Beiträge von Sabine Mehlmann Sexualität und Geschlechtlichkeit. Vom Geschlechtscharakter zur Geschlechtsidentität und Wolfgang Hegener Von der schwulen Identität, die nicht aufhört aufzuhören die Ergebnisse der konstruktivistischen Analysen der Sexualwissenschaftsdiskurse seit dem 19. Jahrhundert gut zusammen und zeigen den Zusammenhang zwischen der Konstruktion der homosexuellen Persönlichkeit und dem Modell der Zweigeschlechtlichkeit auf. In seinen Beitrag Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik im Selbstverständnis der Sexualwissenschaft hinterfragt Andreas Seeck den Anspruch "unvoreingenommener Wissenschaftlichkeit" verschiedener Sexualwissenschaftler, insbesondere Magnus Hirschfelds. Dabei sieht er in diesem Anspruch einerseits ein strategisches Element, andererseits aber auch eine Überzeugung, die im Positivismus begründet war. "Gerade dadurch, daß Hirschfeld die Werte hinter dem Ideologem der wertfreien Wissenschaft verbarg, um sie vor Angriffen zu schützen und ihnen zur Durchsetzung zu verhelfen, hatte er genau diese Werte – zumindest potentiell – preisgegeben", da die politische Emanzipation so von der Richtigkeit der wissenschaftlichen Theorie abhängig wurde. Hirschfelds biologistische Theorie, die er in einem emanzipatorischen Sinne auslegte, hätte mit leicht veränderter Argumentation auch in anti-emanzipatorische Diskurse eingeordnet werden können: So liefere beispielsweise die Vorstellung, Homosexualität sei erblich, auch Argumente für die Sterilisierung aller "Homosexuellen" oder die Vorstellung, "daß die Art der Ausprägung männlicher Sexualität in der Zellstruktur des Hodens ihren Grund hat", führe zu Hodentransplantationen oder –amputationen (S. 207). Andrea Dorothea Bührmann arbeitet in ihrem Beitrag Die gesellschaftlichen Konsequenzen der Wissensproduktion. Zum Verhältnis von (Sexual-) Wissenschaften und gesellschaftlichen Normalisierungsmechanismen unter dem Blickwinkel der Durchsetzung der Bio-Macht in Anlehnung an Michel Foucault und Jürgen Link die Rolle der sexualwissenschaftlichen Teildisziplinen Sexualpathologie, Psychoanalyse und empirische Sexualwissenschaft als Normalisierungsinstanzen heraus: Mit unterschiedlichen Methoden wurde sexuelles Verhalten normiert, wobei im Beitrag leider die Frage nach den Intentionen der einzelnen Vertreter zu sehr in den Hintergrund tritt. So wird etwa der linke Sexualtheoretiker Wilhelm Reich zum Retter der heterosexuellen Kleinfamilie, ohne dass Bührmann thematisiert, dass Reich trotz – oder aus seiner Sicht gerade wegen – seiner Heteronormativität ein scharfer Kritiker der Familie als Repressionsinstanz war.
Gleichzeitig ist der Sammelband aber auch Ausdruck dessen, dass viele ForscherInnen in Deutschland internationale Fachdebatten nicht kennen oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Wie sollte es sonst möglich sein, dass etwa Jody Skinner glaubt, in seinem Beitrag Warme Brüder, Kesse Väter. Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen sprachliche Äquivalente von "schwul" im Mittelalter und der Frühen Neuzeit aufzeigen zu können? Oder dass Christian Klein männerbündische Freundschaftsliteratur als "schwule deutschsprachige Literatur" im Nationalsozialismus präsentiert (Alles verboten und verbrannt? Anmerkungen zur Lage der schwulen deutschsprachigen Literatur zwischen 1933 und 1945), ohne eine Definition zu liefern, was er unter "schwuler Literatur" versteht? Andererseits fehlt einigen der eher theoretischen Beiträge die Analyse des gesellschaftlichen Rahmens, in dem die untersuchten Texte entstanden sind. So wird die Geschichte des wissenschaftlichen Sexualitätsdiskurses untersucht, ohne die Geschichte der "Sexualität" zu betrachten.
Nach wie vor befindet sich die deutschsprachige Geschichtsforschung über Homosexualität im Spannungsfeld zwischen der Analyse der sexualwissenschaftlichen Theorien und der Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte. Auch in diesem Sammelband sind nur wenige Beiträge vertreten, die die Ergebnisse der Untersuchung der sexualwissenschaftlichen Konstrukte in Bezug zu gleichgeschlechtlich begehrenden Männern und Frauen setzen. Während die Geschichte des sexualwissenschaftlichen Diskurses einerseits und die Verfolgungsgeschichte sowie zunehmend auch die Alltagsgeschichte "Homosexueller" andererseits gut erarbeitet sind, liegen die Identitäts- und Mentalitätsgeschichte "der Homosexuellen" im 19. und 20. Jahrhundert noch weitgehend im Dunkeln. So liegen beispielsweise nicht einmal fundierte Untersuchungen über die verschiedenen Homosexuellen-Verbände der Weimarer Republik und ihre unterschiedlichen Zeitschriften vor. Im Gegensatz zur Mentalitätsgeschichte gleichgeschlechtlich begehrender Frauen, die unter anderem durch die Arbeiten von Heike Schader und Kirsten Plötz in Ansätzen zumindest für die Weimarer Republik untersucht sind, ist die Mentalitätsgeschichte gleichgeschlechtlich begehrender Männer im 20. Jahrhundert bisher bestenfalls schemenhaft beleuchtet worden. Die Untersuchungen von Heike Schader und Kirsten Plötz, die beide Zeitschriften von "Lesben" unter unterschiedlicher Fragestellung betrachten, sind als Zusammenfassungen im Sammelband enthalten (Kirsten Plötz: Über "Artgenossinnen" und andere Aneignungen sexualwissenschaftlicher Modelle weiblicher Homosexualität, Heike Schader: Virile homosexuelle Frauen im Spiegel ihrer Zeitschriften im Berlin der zwanziger Jahre). Die Arbeiten zeigen unter anderem die Reaktion von Frauen auf den sexualwissenschaftlichen Diskurs, dessen Einbeziehung in die Konstruktion eigener Identitätsmodelle und beleuchten, welche Probleme damit verbunden waren.
Insgesamt regt Verqueere Wissenschaft? nicht zuletzt durch das Spannungsfeld, das die einzelnen Untersuchungen markieren, zum Weiterlesen, Weiterforschen und zur Reflexion der eigenen Forschungen an.