Drei Neuerscheinungen von Harry Kuster
Rezension von Bernd-Ulrich Hergemöller, Hamburg
Der 1951 in Amsterdam geborene Historiker Harry Kuster (d.i.: Hendrikus
Johannes Kuster), der 1977 mit einer protagonistischen Dissertation über
die mittelalterliche Homosexualität promoviert wurde, hat in den letzten
drei Jahren drei neue Veröffentlichungen vorgelegt.
Kuster, Harry: De wil tot liefhebben. Beschouwingen over geschiedsfilosofie,
narcisme en knapenliefde, 2 Bde, Veenendaal (NL): Selbstverlag 1997, 314,
214 S. (ISBN: 90-9010318-X)
Mit dem zweibändigen Werk, das übersetzt etwa "Der Wille zum
Liebhaben. Betrachtungen über Geschichtsphilosophie, Narzißmus
und Knabenliebe" lautet, hat Kuster eine Monographie geschaffen, die als
Versuch gelesen werden kann, das umstrittene "Toleranzbuch" John Boswells
(Christianity, social tolerance and homosexuality, 1980) auf eine völlig
neue Grundlage zu stellen. Er entrollt (darin Boswell ähnlich) ein
beeindruckend breites und sachkundiges Panorama der mittelalterlichen Sexualtheorie
unter besonderer Berücksichtigung der hochscholastischen Anthropologie
Thomas' von Aquin sowie unter Bezugnahme auf circa 50 Beispiele der mittelalterlichen
Freundschaftsbriefe, die im zweiten Band in lateinischer Originalform und
niederländischer Übertragung wiedergegeben werden. Andreas Capellanus,
der Verfasser des philosophisch-zeitkritischen Traktats De Amore (Ende
12. Jh.), sowie der Troubadour Bernart de Ventadorn, die in unterschiedlicher
Form das Streben des Herzens nach personaler Liebe in den Vordergrund ihres
Denkens stellen, werden als sachliche Zeugen für den Liebeswillen
zitiert (S. 86f.). Dieser "Wille" (hier weicht Kuster vom wörtlichen
Sprachgebrauch der Quellen ab!) wird mit Schopenhauer und Freud als Teil
des latent Unbewussten (S. 107), als historisches Apriori und als Vorbedingung
für Sexualität (S. 111) angesehen. Den langen Marsch durch das
"Theatrum Mundi", der kaum einen Literaten, Dichter und Theologen des Mittelalters
außer Acht lässt, beendet Kuster mit der These (genauer: mit
der Behauptung), dass die "knapenliefde" nicht als eine eigenständige
Kategorie, sondern als Teilbereich der männlichen Homosexualität
anzusehen sei: "Ich betrachte Knabenliebe hauptsächlich als eine Spezifizierung,
als eine Variante, als einen Aspekt der männlichen Homosexualität
[...]" (S. 164, Übersetzung: Hergemöller). Diese Überlegungen
verbindet Kuster nun (als erster) mit der Freudschen Narzissmustheorie:
Ein Knabengedicht Raimbauds d'Orange, das die Tiefendimension des Verlangens
mit der sich selbst verzehrenden Gestalt des griechischen Mythos' gleichsetzt,
bildet die Brücke zwischen Mittelalter und Freud. Jünglingsliebe
sei demnach als ein mögliches Produkt der gleichgeschlechtlichen,
narzisstischen Objektwahl anzusehen. Der Ältere tritt damit in eine
Liebesbeziehung zu einem Jüngeren ein, ohne die Möglichkeit tiefer
(meist zeitversetzter) Verbindungen zu Frauen auszuschließen (S.
123). Wenngleich sich Kuster vor einer unmittelbaren Übernahme Freuds
hütet, lässt er keinen Zweifel an seiner Begeisterung für
die Wiener Psychoanalyse. Daher wird das Buch nur bei denjenigen auf einhellige
Zustimmung stoßen, die die theoretischen Voraussetzungen und Folgerungen
Kusters teilen. Allen anderen, die sich lieber auf dem Terrain aktueller
Theorien bewegen und vor der Übernahme ahistorischer anthropologischer
Kategorien warnen, sei empfohlen, sich auf die Interpretation der Liebesgedichte
und der anderen Quellen zu konzentrieren und sich der Mühe zu unterziehen,
sich ein wenig in die niederländische Sprache zu vertiefen. Eine Übersetzung
in andere Sprachen, die im Prinzip außerordentlich wünschenswert
wäre, hätte m.E. nur Sinn, wenn sich der Verfasser dazu verstehen
könnte, die Wiedergabe der von ihm favorisierten Theorien (Schopenhauer,
Freud) radikal zu verkürzen und sich stärker auf die aktuelle
theoretische Debatte über die Historiographie der Homosexualität
zu konzentrieren.
Kuster, Harry: Vriendschapsminne in twaalfde-eeuws perspectief, Wageningen
(NL): Uitgeverij-Antiquariaat Leida 1999, 45 S. (ISBN: 90-70518279)
In diesem kleinen, anschaulich und allgemein verständlich formulierten
Heftchen stellt Kuster einige Hauptvertreter der hochmittelalterlichen
Freundschaftsdichtung wie Aelred von Rievaulx (gest. um 1166/67), Guibert
de Nogent, Petrus de Celle, Bernhard von Clairvaux und Anselm von Canterbury
vor. Er schildert die zeitgenössischen Konflikte, die zwischen diesen
Jünglingsfreunden und den Reformtheologen ausgetragen wurden, und
er erläutert (auch graphisch) die Konzeption der hochmittelalterlichen
"amicitia": Freundschaft, Liebe und Sexualität seien als drei unterschiedene
Pole menschlicher Existenz angesehen worden, die in Form spiritueller Reinigung
(purificatio) auf das oberste Ziel ihrer Bestimmung und Erfüllung,
auf Gott, ausgerichtet worden seien.
Kuster, Harry: Eros in het Avondland. Werkelijkheid van gelijkgeslachtelijke
liefde. Een bibliografie, Veenendaal (NL): Selbstverlag 1999, 217 S. (ISBN:
90-804521-1-4)
Die Bibliographie erhebt, wie der Titel "Eros im Abendland. Wirklichkeit
der gleichgeschlechtlichen Liebe" andeutet, den Anspruch, einen umfassenden
Überblick über alle Werke von der klassischen Antike bis zur
Gegenwart (1998), die die gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität
thematisieren, zu vermitteln. Im Vorwort wird jedoch deutlich, dass dieses
Verzeichnis primär nach den Bedürfnissen des erstgenannten Werkes
ausgerichtet ist, so dass es zahlreiche antike Autoren, zeitgenössische
Psychiater, Philosophen und TheoretikerInnen enthält, die zwar in
Beziehung zu den theoretischen Reflexionen Kusters stehen, aber keine unmittelbare
Bedeutung für die aktuelle Homosexualitätenforschung besitzen.
Was auf der einen Seite zu viel, ist auf der anderen Seite zu wenig. So
weist das Werk empfindliche Lücken auf. Eine Stichpunktprobe zu einem
beliebigen Buchstaben, 'L', zeigt, dass wichtige Titel wie Christopher
Lane (Ruling passion, 1995), Hans Christian Lassen (im Sammelband Für
Führer, Volk und Vaterland, Hamburg 1992), Rüdiger Lautmann (zwei
wichtige Aufsätze), Gertrud Lehnert (Wenn Frauen Männerkleider
tragen, 1997), Rolf Lenzen (Sodomitenschelte[...], in: Arbor Amoenis Comis,
1990), Jacques Le Rider (Weininger, 1985), Lila Wien um 1900 (mit Hanna
Hacker u.a., 1986), Emmanuel Le Roy La Durie (Montaillou), Eve Levin (Sex
and society in the world of the orthodox slavs, 1989), Jonas Liliequist
(Peasants against nature), Sven Limbeck (Aufsatz im Sammelband zu Edmund
von Eynsham, 1998) oder Kate Lowe (sowie ihr Mit-Herausgeber Trevor Dean,
1994) fehlen. Der Informationsgehalt der bibliographischen Belege leidet
zudem darunter, dass Kuster statt vollständiger Vornamen nur die Anfangsbuchstaben
mitteilt sowie auf die Aufnahme der Verlage (inzwischen im internationalen
Bereich gang und gäbe) verzichtet. Das Zeitschriftenverzeichnis bietet
293 Titel, allerdings ohne Ersterscheinungsjahre, HerausgeberInnen und
Untertitel, so dass es nur als Stichwortsammlung zu benutzen ist. Trotz
dieser Einschränkungen kann das vorliegende Werk als derzeit wichtigste
und umfangreichste Bibliographie zur Historiographie und Theorie der Homosexualitäten
zur Anschaffung und Lektüre empfohlen werden.
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